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Über Katharine Hamnett, Fairtrde, Slogans, falsches Heldentum und richtigen Hedonismus (RMX)

Magazine und Mode sind sich in mancher Hinsicht ähnlich: beides sind nur bedingt keine Wegwerf- und Auftrageprodukte. So zieht sich Fr. Hamnett und der Baukasten dieses Textes mittlerweile fast ein Jahr durch den Focus des hier schreibenden Egos, vom mittlerweile verfallen- und vergessenem MODE Magazin, über das FACE bis zum heutigen Tage. Vielleicht ist das Schicksal. Oder Langeweile. Manchmal kann man es einen Lockruf nennen, eine Duftmarke, einen Erweckungsmoment den es gilt zu bewahren, zu pflegen und weiterzugeben. Der Versuch ein Revier abzustecken oder vielmehr: zurück zu erobern. Entscheidend ist der Blick; in diesem Falle der Blick der Designerin, Fotografin und Aktivistin Katharine Hamnett auf die Welt, aber auch der Blick der Betrachter und Konsumenten und im Speziellen der Blick der so genannten Öffentlichkeit.
Letzterer wird von Hamnett seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren in verschiedener Hinsicht geschickt auf und in Sachverhalte gelenkt, mit denen man sich zumeist nur zögerlich auseinandersetzen möchte und die in der Regel an Orten auftauchen, die nicht vornehmlich dafür prädestiniert sind. Das ändert sich zwar rasant, hier zu erwähnen auch das neue
Klima-Magazin, das in gewagter Aufmachung seit Montag die Zielgruppe der LOHAS in Angriff nimmt (in diesem Kontext dann quasi auch als ‘normalos’ bezeichnet).

Doch zurück zur mittlerweile ikonisierten und fast verklärten Hamnett, die sich schon sehr lange mit Problemen globalen Ausmasses auseinandersetzt. Anfang der Achtziger Jahre waren das die nukleare Aufrüstung, Pershing-Raketen, der Regenwald und die Wale („EDUCATION NO MISSILES”, „SAVE THE WHALES”). Heute sind das Globalisierung, Afrika, Fair Trade und der Kampf gegen Aids („MAKE POVERTY HISTORY”, „USE A CONDOM”, „STOP WAR BLAIR OUT”). Klimaschutz im Al Gore- oder BILD-Sticker-Am-Auto-Style dagegen ist kein Thema für die Tochter eines Royal Air Force Soldaten. Hamnett hat es tatsächlich nicht nötig, auf diesen Zug aufzuspringen. Auf der Dampflok Umweltschutz fährt sie bereits seit Jahren mit und ist ganz schön aktiv was das Kohleschippen angeht. Ob das was mit Hände-schmutzig-machen zu tun hat, sei mal dahingestellt.
Katharine Hamnett ist eine Aktivistin, die sich zum eigenen und zum Wohl anderer, mit den Gegebenheiten arrangiert hat und geschickt damit spielt um auf Dinge aufmerksam zu machen, die das geschönte Bild dieser Gegebenheiten massiv stören. Letztendlich geht es um ein Prinzip, eine Masche, die man entdeckt, weiterentwickelt und gegebenenfalls perfektioniert. Bei Katharine Hamnett ist es das kollektive schlechte Gewissen, das sie immer wieder aufs neue versucht zu bemühen. Dabei weiß sie seit jeher um die Austrahlungs- und Anziehungskraft von prominenten Musikern und Künstlern, deren Image und Ruhm sie auf der einen Seite um ihre Credibilität bereichert, auf der anderen Seite für ihre Zwecke nutzt.
Neben anderen prominenten Persönlichkeiten (irgendwie hat man das Gefühl, die ‚Bezeichnung ‚Persönlichkeit’ greift nicht mehr so ganz…) wie Pop-Sternchen Rihanna, New York-Avantgardisten Rufus Wainwright, Promi-Tochter Jade Jagger oder Superproduzent Timbaland war Katharine Hamnett zuletzt mitverantwortlich für die aktuelle „Fashion Against Aids!”- Kampagnenkollektion vom Massenausstatter H&M, der nach Kooperationen mit Madonna und Cavalli auch mit dieser Aktion seine tiefe popkulturelle Verbundenheit und seinen Sinn für zeitgemäßes Marketing demonstriert. Natürlich werden alle Teile zu Einhundert Prozent aus organischer Baumwolle hergestellt, eine der Lebensaufgaben der ehemals zum Cotton Designer of the Year ausgezeichneten Hamnett, und natürlich geht ein Viertel der Einnahmen an den guten Zweck. Man muss sich seine Party ja auch verdienen. Und Partys und Partypeople als Kommunikatoren und Trendsetter sind sowieso Teil von Hamnetts Welt. Zuletzt übernahm sie zusammen mit den Fotografen Wolfgang Tillmans, Johnnie Shand und Alistair Allan und den Schreibern Paul Flynn, Katie Gran vom Pop Magazine und Lauren Cochrane vom ID-Magazine die Chronisten-Pflicht für die zum Jahreswechsel geschlossene BoomBox, den bisher letzten In-Club Londons, in dem man das lebte, was Stephan Herczeg in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung jüngst wie folgt beschrieb: „In unbändiger Partylaune den Abend zelebrieren, als ob es kein Gestern und Morgen gäbe, um dabei als Individuum glücklich in der Masse aufzugehen. Endlich nicht mehr alleine sein. Sich selbst toll finden und alle anderen auch. Das Leben lieben. Einfach nur so.” Berliner Clubs wie Picknick, Panoramabar und Tape oder Reihen wie der Broken Hearts Club oder Partys in der Villa fühlen sich zuweilen ähnlich an, endzeitlich, aber mit Charme.

Es muss auch nicht jeder die erbärmlichen Zustände sehen, in denen Menschen leben, die mit ihrer Arbeit die Ressourcen bereitstellen, mit denen wir uns tagtäglich verkleiden. Für Hamnett geht es vielmehr darum, ein gemeinsames Bewusstsein zu schaffen und darüber hinaus Strukturen, die man als einzelner Modeschaffender im Griff behalten kann. Man muss vielleicht akzeptieren, dass in einer Welt voll Glamour, Glanz und Selbstdarstellung Bilder von Armut, Hunger, Elend und Ausbeutung nichts verloren haben. Doch die mittlerweile sechzigjährige Hamnett macht eben diese Bilder auf ihre Art sichtbar, auf das Wesentliche reduziert, einfach und unmissverständlich, als Statement, dem man sich anschließen kann; als kleinster gemeinsamer Nenner, den man im Kollektiv formuliert und der nicht besonders schmerzt. Denn mehr möchte Katharine Hamnett nicht und mehr bietet sie nicht an. Sie ist Aktivistin, kein theoretischer Vordenker. Hamnett bleibt stets an der Oberfläche, darin entspricht sie immer dem Diktat der Modewelt, der sie angehört, seit sie 1964 mit ihrem Modestudium an der Konstfackskolan Stockholm begann. Doch sie kennt diese Oberfläche mittlerweile genau, hat den Blick. Nicht umsonst beschäftigte sie für ihre Kollektionen Fotografen wie Juergen Teller oder Terry Richardson, für den es 1995 sogar seine erste Werbekampagne war. Alles spricht dafür, dass Katharine Hamnetts Idee von Ästhetik eine sehr zeitlose ist, die sich so weit zurücknimmt, dass da eine Menge Platz für zusätzliche Inhalte frei wird. Und das ist gut so.

Katharine Hamnett, die seit 2007 in London auch als Professor an der Hochschule der Künste wirkt, ist auch ein Beispiel dafür, dass Generationskonflikte durchaus überwindbar sind und dass im Kosmos von Mode, Popkultur und Hedonismus durchaus Gemeinsamkeiten existieren, die zu kollektivieren es lohnt. Damit die Welt vielleicht doch noch etwas gerechter wird. Kann ja nicht schaden. SAVE KATHARINE HAMNETT.

JF

Dieser Beitrag ist im Original zunächst im FACE-Magazin 01/2008 erschienen und wird nun im Rahmen der von Mahret Kupka initiierten Blogparade “Green Glamour” erneut veröffentlich. Über 20 deutsche Fashionblogger schreiben heute zu Ökologie, Ethik und Mode. Eine Übersicht aller teilnehmenden Blogs und Artikel findet sich bei Two for Fashion.

mehr:

Interview mit Katherine Hamnett bei Style Mag

Videointerview bei Modabot

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2 Kommentare so far
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Nochmals vielen Dank für die Teilnahme am Green Glamour Day. Für uns ist die Aktion ein voller Erfolg gewesen. Insgesamt 33 Blogger haben mitgemacht! Eine Übersicht über alle Postings findest Du hier und hier. Liebe Grüße und auf bald!

Kommentar von mahret




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