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Giftgas und Raketen – Das Oktoberfest als Thriller. Härter ist nur der Wolfgang.
September 18, 2010, 9:17 vormittags
Einsortiert unter: Literatur | Schlagwörter: , , , ,

Das ab heute zum 200. Mal stattfindende Oktoberfest ist ein Symbol. Es steht für bajuwarische Weltoffenheit, Gastfreundschaft und Geselligkeit und ist neben Neuschwanstein, der Fußballnationalmannschaft und deutschen Autos das wahrscheinlich mit am stärksten und beständigsten ins Ausland transportierte Bild deutscher Lebensart. Auf dem Oktoberfest gilt schon lange „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Und darauf sind die Bayern zu Recht stolz.

Daran konnte auch nichts ändern, dass vor dreißig Jahren, am 26. September 1980, der rechtsextreme Gundolf Köhler auf dem Münchner Oktoberfest mit einer Rohrbombe dreizehn Menschen tötete und mehr als zweihundert teilweise lebensgefährlich oder so schwer verletzte , dass in diversen Fällen beide Beine amputiert werden mussten. Noch blutiger und brutaler geht es jetzt in Christoph Scholders Thriller „Oktoberfest“ zu, von herumfliegenden Körperteile bei Detonationen von Anti-Infanterie-Minen („Es gab einen feststehenden Begriff für die Wirkung der AIM-64: Geschnetzeltes“), über verkrampfte, von Giftgas innerlich zerfressene Geiseln („Eine junge Frau im Dirndl wankte auf ihn zu. Exkremente liefen an ihren Beinen herab“) und bis hin zu einer unglaublichen Vermengung von asiatischen Kampf- und Tötungstechniken („Zwei Finger seines rechten Arms wurden zu Giftzähnen der Schlange“). Das ist natürlich alles grober Unfug und fahrlässig. Der Autor hatte beim Schreiben entweder Bruce Willis oder Kurt Russel im Sinn. Sein Protagonist namens Wolfgang Härter, Kapitän zur See und verdeckter Ermittler beim militärischen Abschirmdienst, ist ein harter Hund und mit allen Wassern gewaschen. Wolfgang Härter ist so hart, dass es ihn eigentlich gar nicht geben dürfte. Seine Abteilung ist streng geheim und so ist es kein Wunder, dass sein Einsatz direkt vom Bundeskanzler legitimiert wird. Doch das spielt alles keine Rolle. Es geht nur darum, wer die wahnsinnigen, blutrünstigen und abtrünnigen russischen Militärs samt ihrer sadistischen Führerschaft, noch aufhalten und die Stadt München vor einer kaum vorstellbaren Katastrophe bewahren kann. Und Härter kann das. „Sie sind tatsächlich so eine Art deutscher James Bond“, attestiert ihm am Ende der sechshundert Seiten Groteske der Bundeskanzler. Doch der Kapitän kontert mit dem unausweichlichen Witz, den erlösenden letzten drei Sätzen eines unbeschreiblich schlechten und lieblosen Thrillers: „Das bin ich nicht.“ Ich bin Härter. Wolfgang Härter.

Das sind die Umstände des Attentats von 1980 der weitaus bessere Thriller, denn bis heute zweifeln viele an der Einzeltätertheorie.

Christoph Scholder, “Oktoberfest”, Thriller, Droemer Verlag, 2010
(EB)

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1 Kommentar so far
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muss mann nicht gelesen haben!

Kommentar von heidi




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