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Männerstyle und Sozialprognose – Ben Tewaag hat ein Buch geschrieben
Januar 30, 2012, 7:36 vormittags
Filed under: Gossip, Literatur | Schlagwörter: , , , ,

Mein guter Buddy Ben hat ein Buch geschrieben. „Große Buchstaben. Liest sich einfach. Ist unterhaltsam“ verkündet er, als er mir voller Stolz und doch mit einer gespielten Beiläufigkeit ein Exemplar seines frisch aus der Druckerei angelieferten Romans „313“ überreicht. Auch wenn er sich vorstellen könnte ein weiteres Buch zu schreiben (und das ist nicht die schlechteste Idee die er in den letzten Jahren hatte), so ist „313“ zuallererst einmal kein literarisches Debüt, sondern Bens Versuch seiner selbst habhaft zu werden. Und das ist ihm mehr als gelungen.

Die stark autobiographisch-verortete Geschichte erzählt, wie der Protagonist namens Oli, ein erfolgreicher Musiker, medial begleitet seine Haftstrafe wegen Körperverletzung antritt und beschreibt den darauf folgenden Kampf gegen Vorurteile, Neid und Missgunst, den Kampf gegen den eigenen, inneren Schweinehund, gegen die Angst und die Wut, gegen die Sensationsgier der Medien und den Kampf für die eigene Würde, Privatsphäre, moralische und ausgleichende Gerechtigkeit und letztendlich auch für die große Liebe. Dies alles geschieht dramaturgisch geschickt (natürlich auch den äußeren Zwängen folgend), erzählerisch durchaus souverän, nicht ohne Humor und bewusster Lakonie und eigen larmoyant.

Musiker Oli ist, ebenso wie sein reales Vorbild, kein wirkliches Weichei und nimmt sein Schicksal, nach großen Wechselbädern aus Wut und Wehklage, schließlich selbst in die Hand, lotet die formalen Möglichkeiten des Strafvollzugs aus, setzt seine u.a. in der ‘Boulevardhölle’ (STERN) erworbene Menschenkenntnis ein, bewährt sich, zweifelt, findet Freunde, überprüft seinen eigenen moralischen Kodex, gleicht ihn mit anderen ab und leidet an der Liebe: „Ich bin der Grund, warum meine Süße nicht auf täglicher Basis Sex hat. Der Grund, warum ihr niemand hilft, die Waschmaschine hochzutragen, bin ich. Der Grund, dass sie niemand tröstet, wenn sie Misserfolge im Job hat, bin ich. Der Grund, warum sie alleine einschläft, bin ich.“

Ben inszeniert sein Alter Ego weder als Helden noch als Anti-Helden. Auch wenn er zuweilen Härte und Männlichkeit für sich akzeptiert, so ist ihm doch stets bewusst, was Strafvollzug mit Menschen machen kann, wo die Grenzen dessen liegen, mit dem man konfrontiert werden möchte: „Man ist 24 Stunden sieben Tage die Woche von krimineller Energie umgeben. Woher man eine AK-47 bekommt, hätte ich letztes Jahr nicht beantworten können, jetzt würde ich „’ne gebrauchte oder ‘ne neue“ zurückfragen können und das, ohne mich aktiv damit auseinandergesetzt zu haben.“

Ben gelingt es den Knast in seiner Normalität zu schildern und streift hierbei auf erfrischende Art und Weise gesellschaftlich relevante Themen wie Integration und Resozialisierung, Drogen und Statussymbole, Musik und Mode: „Viele scheinen besonderen Wert auf ihr Äusseres zu legen. Ich sehe überall getrimmte Bärte. Die Atmosphäre ist fast poserhaft, wie beim Schaulaufen, unglaublich maskulin, sehr männerstyled, was mir nicht unbedingt unsympathisch ist.“ Auch der sich mit der Zeit immer besser zurecht findende Oli beweist, nachdem er in die Essensausgabe befördert wurde, Stilsicherheit: „Du kriegst weiße Hosen, weiße T-Shirts, weiße Socken und ein weißes Barrett. Die Sachen kannst du super mit anderen kombinieren und dadurch in einem ganz coolen Style auftreten. Ich habe nach der Arbeit nur die Hosen gewechselt, weil mir diese grauen, weit geschnittenen Dinger, die alle tragen, besser gefallen. Aber wenn ich zum Hofgang raus bin, hatte ich ab sofort nicht mehr dieses verwaschene weinrote Oberteil an wie alle, sondern ein enges, weißes T-Shirt, das immer neu und frisch war.“ Besser man verliert seine Würde nicht. Niemals aber verliere deinen Style.

Ben und ich haben gemeinsam ein bisschen was erlebt. Vielleicht auch überlebt. Absturz, Klischee, laue Nächte, laute Nächte, lange Nächte, Aktion und Reaktion. Und nicht nur darum bin ich Ben diese unbedingte Kaufempfehlung seines Romans „313“ (erschienen bei Tag & Nacht) schuldig. Denn er hat mit diesem Buch ehrlich gesagt nicht nur mich, sondern viele andere und nicht zuletzt vielleicht auch sich selbst überrascht und eine Geschichte niedergeschrieben, die für sich selbst steht, in ihrer Authentizität aber unabdingbar mit der Person Ben Tewaag verbunden ist. Das ist nichts schlechtes. Das kann man lesen. Egal ob Leseratte, Schulklasse, Feministin oder Gangster. Gutes Buch, Digger! Respekt!

(Foto oben: Svenja Eckert, Foto unten & Text: Johannes Finke)


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