
Aus dem Editorial
Die Zeiten sind hart. Hart wie Stein. Härter noch, hört man hinter vorgehaltener Hand. Und manch einen trifft es mit voller Wucht, mit der ganzen Härte: mal abgesehen von den mittlerweile zur Unsichtbarkeit degradierten ewig Schwachen, Armen und Hungernden, zumeist weit entfernt oder zumindest in einem anderen Bezirk der Stadt, sind das natürlich die Kleinanleger. Oder wir, die Print-Magazine. Und natürlich die deutsche Autoindustrie. Und die US-amerikanische Autoindustrie. Und sicherlich auch Teile der asiatischen und der französischen Autoindustrie. Die Zulieferer nicht zu vergessen. Und die russische Waffenindustrie. Und die Banken. Oder waren das die Banken, die eigentlich keinen Schaden genommen haben? Das ist manchmal nicht ganz so klar feststellbar. Aber vielen geht es schlecht. Da werden sicher auch ein paar Banker drunter sein. Aber auch dem Tourismus geht’s nicht gut. Urlaub fällt immer öfters flach. Weniger Schirmchencocktails. Weniger Champagner? Nein, das wäre übertrieben. Champagner läuft immer. Die Verlierer ziehen aus. Die Gewinner ziehen ein.
Aber wo sind die Gewinner? Die Baubranche kränkelt. Die Bauern sind unzufrieden. Meine Eltern. Deine Eltern. Der Taxifahrer. Der Nachbar. Die Arbeiter in den Schiffswerften in Norddeutschland sind unzufrieden und die Praktikanten in der Medienbranche auch. Und auch die Musikindustrie leidet.
Doch Not macht erfinderisch. Ablenkungsmanöver allerortens. Man arbeitet sich ab, an Fairtrade und Klimaschutz, an neuen Kollektionen, neuen Gesichtern, neuen Trends und alten Ideen und Idealen. Nichts wirklich Neues. Doch wenigstens etwas. Ein Status Quo. Ein sich nicht bewegen lassendes Konstrukt aus wirren Verflechtungen und Verfehlungen. Doch wir kommunizieren, in ganzen, halben und keinen Sätzen, über un- und endliche Distanzen, über alles und über jeden und fühlen uns dabei unheimlich gut und aufgeklärt und sind währenddessen revolutionär und bieder zugleich. Wir reden uns die Seele aus dem Leib und werden – seelenlos. Doch es herrscht Zufriedenheit, denn man hat den Glauben noch nicht verloren. Vielleicht die Lust.
Es ist ja nicht alles schlecht. Manch einer glaubt sogar, wieder politisch ambitionierte Popmusik ausmachen zu können. Oder war das dem Punk, dem Hip-Hop und dem Indie-Rock vorbehalten? Oder anderen Sub- und Jugendkulturen? Oder macht das einen Unterschied? (…)
Weiterlesen im aktuellen BLANK – Jetzt am Kiosk
Mehr zum neuen Heft hier.
Gespeichert unter: Gossip, Heft, vor ort | Schlagworte: Blank, Jan Off, Knust, Michael Ebert, Neon, Sarah Kuttner, Timm Klotzek
Wenn die beiden Chefredakteure des Zentralorgans für Berufsjugendliche, kurz Neon genannt, einen Ratgeber auf den Buchmarkt schmeißen, der der „Generation der Krisenkinder“ (Spiegel Online) den Weg durch den Dschungel des Erwachsenwerdens weisen möchte, ist das in etwa so beeindruckend wie der Schiss einer Möwe auf einem kilometerlangen Stück Strand. Es gibt genügend andere Stellen, an denen du dein Handtuch ausbreiten kannst.
Ärgerlich wird es erst, wenn eben dieser Ratgeber öffentlich präsentiert wird, und ich da hingeschickt werde. Aber das Blank zahlt nicht nur Spitzenlöhne, sondern lässt seinen Mitarbeitern auch noch regelmäßig kostenlose Botox-Behandlungen angedeihen. Also heißt es, die Zähne tapfer zusammenzubeißen und ins Hamburger Knust vorzustoßen – eine Spelunke, die trotz ihrer langen Tradition als Hort des Lasters und der Ausschweifungen mittlerweile als Nichtraucher-Tempel daherkommt.
Hier wollen Michael Ebert und Timm Klotzek, so die Namen der beiden Verfasser, gemeinsam mit Bestsellerautorin und Ex-VIVA-Lautsprecher Sarah Kuttner, die von der Hamburger Morgenpost im Vorfeld mal eben zur „Identifikationsfigur“ der Zwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen hochstilisiert wird, der Frage nachgehen, die ihrem Werk den Titel geliehen hat: „Planen oder treiben lassen?“ Wobei sich als erstes der Gedanke aufdrängt, was denn hier, wenn überhaupt, treiben gelassen werden soll: Ein Stück Holz? Eine Flaschenpost? Ein verendeter Katzenhai? Ein kurzer Zusatz auf dem Cover wäre in dieser Hinsicht gewiss hilfreich gewesen.
Immerhin: Das Knust ist an diesem Abend gut besucht. Kurz bevor die Chose startet, müssen gar zusätzliche Sitzgelegenheiten herangeschafft werden. Heiße Luft verkauft sich eben immer noch am besten. Ich sehe mich um und sogleich einige meiner Vorurteile bezüglich der Neon-Leserschaft bestätigt. Zum größten Teil biedere Klamotten mit einem Hauch von Lässigkeit und – ganz wichtig – einem oder zwei hervorstechenden Details, deren Unstimmigkeit im Verhältnis zum Rest der Kledage Nonkonformismus und Esprit signalisieren soll. Der Altersdurchschnitt entspricht dem der Zielgruppe. Es sind allerdings auch ein paar Mittvierziger eingerückt. Richtig wohl scheinen sie sich unter den vielen Backfischen nicht zu fühlen: „Ey, was machst du denn hier?“ „Muss ja mal gucken, was auf meine Tochter so zukommt, ’ne.“
Ich frage meine Sitznachbarin nach dem Grund ihres Besuchs, will wissen, ob sie wegen des prominenten Gastes oder der in Aussicht gestellten Lebenshilfe gekommen sei. „Ach, eigentlich wegen beidem. Weißt du, ich bin selber in der Medienbranche, da ist das schon irgendwie ’n Pflichttermin.“ Aha!
Nach halbwegs akzeptabler Wartezeit dann der Auftritt der beiden Buchautoren, respektive Chefredakteure, respektive Gastgeber, respektive Moderatoren des Abends. Sarah ist offenbar noch im Backstagebereich zugange. Trotz dreier bereitgestellter Ohrensessel hat man sich dazu entschieden, die Zeit bis zum Eintreffen des Gastes im Stehen zu verbringen. Timm, der sich etwas näher am Bühnenrand positioniert hat, ergreift das Wort und monologisiert eine Weile herum. „Unsere Generation“, sagt er, womit er sich und das Publikum meint, was insofern irritiert, als Timm selber so seriös und abgeklärt aussieht, wie jemand, der sich gedanklich bereits den Ruhestand ausmalt. „Keiner ist schlechter oder besser“, sagt er, und: „Keiner ist vollständig Planer oder Treiberlasser“ – womit die aufgeworfene Frage des Buchtitels gleich mal hinfällig geworden ist. Michael studiert derweil seine Moderationskärtchen und übt sich in verschiedenen hilflosen Gesichtsausdrücken. Ich bin mit dem mir bis dahin unbekannten Wort „Treiberlasser“ beschäftigt, überlege, ob es dabei um jemanden geht, der sich Wild vor die Flinte treiben lässt, und bekomme deshalb nicht mit, wie es Timm gelingt zum Thema „Fußball“ überzuleiten. Macht ja nüscht, Fußball kommt immer an. Na, meistens jedenfalls. „Sind wir nicht alle Fußballtorhüter?“ Sechs Leute kichern – offenbar wild entschlossen, sich (zur Not durch Selbsthypnose) für das Eintrittsgeld soviel wie möglich zurückzuholen –, der Rest schweigt betreten in sich hinein.
Das Elend findet erst ein Ende als Fräulein Kuttner hereingebeten wird. Schon während der Begrüßung zeigt sich: Sarah redet nicht nur gern und viel, sie ist vor allem in der Lage, ein Publikum zu bedienen. Jetzt darf auch endlich gesessen werden: die Herren links, die Dame rechts außen. Und nachdem am Wasser, am Wein oder an der Apfelschorle genippt worden ist, schlägt die große Stunde von Michael. Zum ersten Mal darf er das Wort ergreifen. Entsprechend enthusiastisch fällt sein Beitrag aus. Sarah sei, teilt er uns mit, nicht mehr und nicht weniger als das „Versuchskaninchen dieser Generation“. Eine Generation, die sich hauptsächlich dadurch auszuzeichnen scheint, dass sie den Begriff „Generation“ geradezu inflationär gebraucht.
Die vollständige, ehrliche, ausführliche und zärtliche Eventkritik von Jan Off gibt es ab Freitag in der Augustausgabe vom BLANK bundesweit an jedem guten Kiosk.
Wir wussten auch nicht, dass wir ‘in Schnaps machen’. Aber danke, dass wir darauf aufmerksam gemacht wurden.

Gespeichert unter: Anmerkungen, Heft, Werbung | Schlagworte: Blank, Finanzkrise, Jakob Augstein, Wochenzeitung Freitag
Wir sind BLANK
Es sind Tatsachen, Wahrheiten und Umstände, die einen bewegen und nicht erstaunt, geblendet oder geschockt erstarren lassen. Aber sich mit Definitions- und Bewältigungskonzepten aufzuhalten ist in nach Aktionismus verlangenden Momenten nicht der richtige Ansatz um ein Heft zu machen. Manchmal muss man einfach machen und sich der Spontanempirie ergeben.

Weniger spontan sind die Umwälzungen, denen sich zur Zeit die Wochenzeitung Freitag aussetzt und es ist schön zu beobachten, wie auch bei einem zuweilen leicht verschroben Blatt für Alt-Linke die Motivation entsteht, den gesellschaftlichen, idealistischen und visionären Realitäten für einen Relaunch ins Auge zu blicken. So schreibt Jakob Augstein in Ausgabe 50/2008 in einem als Antwort auf teils empörte Leserzuschriften gedachten Text: „Der Freitag war nie frei von Anzeigen. Es gab durchaus immer welche. Sie fielen nicht sehr ins Auge. Aber es gab sie: Für Publikationen wie Sozialismus, konkret oder die junge Welt. Oder für Veranstaltungen wie ein Umweltfestival, die Rosa-Luxemburg- Konferenz oder das Kurt-Weill-Fest. Anzeige ist Anzeige. Aus der Sicht der Redaktion sollte es keinen Unterschied machen, ob für einen antifaschistischen Fahrradkorso geworben wird oder für ein Waschmittel. Die Redaktion sollte unbeeinflusst von äußeren Interessengruppen ihrer Arbeit nachgehen. Parteien, Unternehmen, Verbände, Stiftungen – ganz gleich: Sobald sie den Anspruch erheben, auf den Inhalt einer Zeitung (…) Einfluss zu nehmen, müssen Redaktion und Verlag sich wehren. Die Zeitung dient den Lesern. Nicht den Interessengruppen.Weder den ökonomischen. Noch den politischen. Alles andere hat mit Journalismus nichts zu tun. Ein guter Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, hat Hanns Joachim Friedrichs bekanntlich gesagt. In der ganzen Absolutheit stimmt der Satz natürlich nicht. Weil es ohne Werte und ohne Haltung keinen guten Journalismus und keine publizistische Identität geben kann. Aber als Richtschnur des journalistischen Handelns hat er Gültigkeit.“

Doch Augstein wird noch konkreter: „Der Freitag unterliegt den realen Gesetzen der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Es wäre wunderbar, wenn sich ein solches Qualitätsmedium auf Dauer diesen Notwendigkeiten entziehen könnte. Ein liebenswerter Traum. Aber doch nur ein Traum. Wer trüge die Kosten? Eine Stiftung? Eine Genossenschaft der Leser? Gewährleistet das auf Dauer Unabhängigkeit? Oder ersetzt es nicht eine Abhängigkeit durch eine andere? Am Ende aber wollen Autoren und Photographen und Drucker bezahlt werden. Aus dem Verkauf allein lassen sich die Kosten bei einem vertretbaren Preis nicht tragen. Wir bemühen uns also um Anzeigen.“ Und wahrscheinlich ist das Wort ‘bemühen’ genau der Umstand, um den es eigentlich geht und der eine grundlegende Notwendigkeit menschlichen Handelns beschreibt und so werden wir uns bemühen das BLANK, also die momentane Leere, den selbst-herbeigeführten Urzustand, die jüngst entstandene und sich immer deutlicher herauskristallisierende gesellschaftliche Freifläche zu füllen, zu beackern, zu gestalten und zu pflegen und zu gegebener Zeit abzuernten.
(JF)