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NEPPER, SCHLEPPER, BAUERNFÄNGER: Jan Off über eine Bühnenveranstaltung zum Thema „Planen oder Treiben lassen“
August 4, 2009, 8:24
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Wenn die beiden Chefredakteure des Zentralorgans für Berufsjugendliche, kurz Neon genannt, einen Ratgeber auf den Buchmarkt schmeißen, der der „Generation der Krisenkinder“ (Spiegel Online) den Weg durch den Dschungel des Erwachsenwerdens weisen möchte, ist das in etwa so beeindruckend wie der Schiss einer Möwe auf einem kilometerlangen Stück Strand. Es gibt genügend andere Stellen, an denen du dein Handtuch ausbreiten kannst.

Ärgerlich wird es erst, wenn eben dieser Ratgeber öffentlich präsentiert wird, und ich da hingeschickt werde. Aber das Blank zahlt nicht nur Spitzenlöhne, sondern lässt seinen Mitarbeitern auch noch regelmäßig kostenlose Botox-Behandlungen angedeihen. Also heißt es, die Zähne tapfer zusammenzubeißen und ins Hamburger Knust vorzustoßen – eine Spelunke, die trotz ihrer langen Tradition als Hort des Lasters und der Ausschweifungen mittlerweile als Nichtraucher-Tempel daherkommt.

Hier wollen Michael Ebert und Timm Klotzek, so die Namen der beiden Verfasser, gemeinsam mit Bestsellerautorin und Ex-VIVA-Lautsprecher Sarah Kuttner, die von der Hamburger Morgenpost im Vorfeld mal eben zur „Identifikationsfigur“ der Zwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen hochstilisiert wird, der Frage nachgehen, die ihrem Werk den Titel geliehen hat: „Planen oder treiben lassen?“ Wobei sich als erstes der Gedanke aufdrängt, was denn hier, wenn überhaupt, treiben gelassen werden soll: Ein Stück Holz? Eine Flaschenpost? Ein verendeter Katzenhai? Ein kurzer Zusatz auf dem Cover wäre in dieser Hinsicht gewiss hilfreich gewesen.

Immerhin: Das Knust ist an diesem Abend gut besucht. Kurz bevor die Chose startet, müssen gar zusätzliche Sitzgelegenheiten herangeschafft werden. Heiße Luft verkauft sich eben immer noch am besten. Ich sehe mich um und sogleich einige meiner Vorurteile bezüglich der Neon-Leserschaft bestätigt. Zum größten Teil biedere Klamotten mit einem Hauch von Lässigkeit und – ganz wichtig – einem oder zwei hervorstechenden Details, deren Unstimmigkeit im Verhältnis zum Rest der Kledage Nonkonformismus und Esprit signalisieren soll. Der Altersdurchschnitt entspricht dem der Zielgruppe. Es sind allerdings auch ein paar Mittvierziger eingerückt. Richtig wohl scheinen sie sich unter den vielen Backfischen nicht zu fühlen: „Ey, was machst du denn hier?“ „Muss ja mal gucken, was auf meine Tochter so zukommt, ’ne.“

Ich frage meine Sitznachbarin nach dem Grund ihres Besuchs, will wissen, ob sie wegen des prominenten Gastes oder der in Aussicht gestellten Lebenshilfe gekommen sei. „Ach, eigentlich wegen beidem. Weißt du, ich bin selber in der Medienbranche, da ist das schon irgendwie ’n Pflichttermin.“ Aha!

Nach halbwegs akzeptabler Wartezeit dann der Auftritt der beiden Buchautoren, respektive Chefredakteure, respektive Gastgeber, respektive Moderatoren des Abends. Sarah ist offenbar noch im Backstagebereich zugange. Trotz dreier bereitgestellter Ohrensessel hat man sich dazu entschieden, die Zeit bis zum Eintreffen des Gastes im Stehen zu verbringen. Timm, der sich etwas näher am Bühnenrand positioniert hat, ergreift das Wort und monologisiert eine Weile herum. „Unsere Generation“, sagt er, womit er sich und das Publikum meint, was insofern irritiert, als Timm selber so seriös und abgeklärt aussieht, wie jemand, der sich gedanklich bereits den Ruhestand ausmalt. „Keiner ist schlechter oder besser“, sagt er, und: „Keiner ist vollständig Planer oder Treiberlasser“ – womit die aufgeworfene Frage des Buchtitels gleich mal hinfällig geworden ist. Michael studiert derweil seine Moderationskärtchen und übt sich in verschiedenen hilflosen Gesichtsausdrücken. Ich bin mit dem mir bis dahin unbekannten Wort „Treiberlasser“ beschäftigt, überlege, ob es dabei um jemanden geht, der sich Wild vor die Flinte treiben lässt, und bekomme deshalb nicht mit, wie es Timm gelingt zum Thema „Fußball“ überzuleiten. Macht ja nüscht, Fußball kommt immer an. Na, meistens jedenfalls. „Sind wir nicht alle Fußballtorhüter?“ Sechs Leute kichern – offenbar wild entschlossen, sich (zur Not durch Selbsthypnose) für das Eintrittsgeld soviel wie möglich zurückzuholen –, der Rest schweigt betreten in sich hinein.

Das Elend findet erst ein Ende als Fräulein Kuttner hereingebeten wird. Schon während der Begrüßung zeigt sich: Sarah redet nicht nur gern und viel, sie ist vor allem in der Lage, ein Publikum zu bedienen. Jetzt darf auch endlich gesessen werden: die Herren links, die Dame rechts außen. Und nachdem am Wasser, am Wein oder an der Apfelschorle genippt worden ist, schlägt die große Stunde von Michael. Zum ersten Mal darf er das Wort ergreifen. Entsprechend enthusiastisch fällt sein Beitrag aus. Sarah sei, teilt er uns mit, nicht mehr und nicht weniger als das „Versuchskaninchen dieser Generation“. Eine Generation, die sich hauptsächlich dadurch auszuzeichnen scheint, dass sie den Begriff „Generation“ geradezu inflationär gebraucht.

Die vollständige, ehrliche, ausführliche und zärtliche Eventkritik von Jan Off gibt es ab Freitag in der Augustausgabe vom BLANK bundesweit an jedem guten Kiosk.



Planen oder Treiben oder Bleiben lassen
Juli 1, 2009, 10:08
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Zur Vorbereitung, Anregung, Vertiefung und Planung der neuen Ausgabe oder aus der Reihe „Antworten auf wichtige Fragen Teil 1″. Wir bitten um Assoziationsansätze.
planen oder treiben



Die neue Keuschheit u.a.
Juni 21, 2009, 2:04
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aaaaaaa

Es hat den Anschein, als würden wir in einer Zeit leben, in der Werte, Moralvorstellungen und gesellschaftlicher Konsens sich nicht unbedingt manifestieren, nein, all dies mäandert einfach vor sich hin. Eines der stets wiederkehrenden Phänome dabei ist die immer wieder als ‘neu’ bezeichnete Keuschheit, die auch jüngst wieder stärker in den Focus junger Menschen und der allgemeinen Öffentlichkeit drängt und wieder mal den Vorreiter spielen soll, für das, was da noch kommen mag bzw. bereits da ist, die ‘Rückbesinnung’, das Verharmlosen, von Nido und NEON, über Hannah Montana und High School Musical bis hin zu religiösen Dogmen und ihrer pop-kulturellen Synchronisation ins junge Jetzt. Passend dazu auch die wenig-aussagekräftige Titelstory und Umfrage des Spiegels vom 15.06. mit dem Titel „Wir Krisenkinder – Wie junge Deutsche ihre Zukunft sehen“, ein „Selbstportrait einer Generation, die düster in die gesellschaftliche Zukunft blickt, die Politik und Sex nicht wichtig findet, auf Barack Obama hofft und mit 85 Jahren sterben möchte.“
Doch hier geht es nicht um die Antwort einer Generation, die sich konfrontiert mit Ausschweifungen der Anderen einen Lebensstil sucht, der ihnen Halt in Etwas gibt, das sich scheinbar bewährt hat, denn sind wir mal ehrlich: was hat sich denn nun tatsächlich bewährt? Vielmehr geht es hier doch um die Macher, die Werte-Vermittler, um kalkuliertes Lenken und Vereinnahmen im Sinne von Befriedung und Beruhigung, um stille Wertschöpfung und um Entfremdung. Im nächsten Heft, wann immer es kommt, werden wir das wieder aufgreifen. So beschäftigt sich Teresa Bücker, die sich zuletzt Gedanken über das Missy Magazine und den neuen Feminismus machte, diesmal mit dem ‘inoffiziellen Generationenorgan’ (Spiegel) NEON und den daraus bzw. hinein resultierenden Begleiterscheinungen.

(JF)



Wo ist der neue Feminismus?

„Schönsein ist so öde.“ – Neues wagen scheinbar auch. Das Missy Magazine ist zwar eine ernstzunehmende Bereicherung des Zeitschriftenmarktes, dem Anspruch, ein Sprachrohr für die einflussreichen, hellwachen Frauen von heute und morgen zu sein, genügt es hingegen nicht.

Ein ganzes Magazin den Frauen, ihren Herzensangelegenheiten, Stolpersteinen und Ideen zu widmen und sich dabei stark vom Angebot der Hochglanzblätter mit Appell an die perfekte Tussi abzugrenzen, hätte man für den deutschen Pressemarkt nicht erwartet. Die Anzahl der Magazine, in denen Frauen von anderen Frauen für dumm verkauft werden, hat sich nicht auf eine erträgliche Schar gesundgeschrumpft. Ihre Sprache hat zudem die Frauenbewegung wieder auf den Einsatz von Schönheit und den Reiz des weiblichen Körpers zur Verbalisierung der weiblichen Forderungen reduziert. Köpfchen kennt der Journalismus für Frauen nicht. Es sieht heute so aus, als „beschränke sich die Frauenbewegung mit einhelligem Kopfnicken, dass die Frau von heute keine Emanzipation mehr benötige“ (Violetta Simon: Germany‘s Next Role-Model. sueddeutsche.de vom 05.03.2009). Dass intelligenten Frauen unter 30 kein Printprodukt zur Verfügung stand, das sie als Hauptzielgruppe ansprach, ist einem großen Verlagshaus in den letzten Jahren nicht aufgefallen. Anstatt sich dieser Marktlücke anzunehmen, verspürt man die Einstellung von Park Avenue und Vanity Fair als Verlust und stopft unzählige Frauenwebportale in Rosé-Schattierung lieblos ins Netz, die weiterhin an Frauen mit Appetit auf Politik, Kontroverse und Schöngeist vorbei schlittern. Heidi Klums Erniedrigung junger Laufstegaspirantinnen mit kritischer Miene zur Kenntnis zu nehmen, gilt heute bereits als frauenrechtliches Engagement.

Es ist bezeichnend für den Stand der Emanzipation und den Rückschritt, den diese beschreitet, dass von Redakteurinnen geführte Blätter die Darstellung der Frau als ganzheitliches Geschlecht nicht vollbringen, sie nicht auskommen ohne Modestrecken mit Mannequins, deren Knochigkeit Sex und Vernunft entbehrt, sie die Beschränkung der weiblichen Interessen auf Haute Couture, Beauty, Innenarchitektur und Diät nicht vermögen aufzubrechen, ohne sehnsüchtigen Blick nach Hollywood und Traumspiel des Horoskops nicht auskommenend. (mehr…)