Faceyourmagazine's Blog


Stefan Kalbers über die Freundschaft
Dezember 4, 2008, 1:40 pm
Filed under: HEFT ZWEI | Schlagwörter: , ,

Mein bester Freund

Mit Freundschaften ist das so eine Sache. Man muss den Grad der Verbindlichkeit ausloten, Tiefgang erzeugen, Vertrauen, Nähe, gute Gespräche und so weiter. Sachen schleppen, Geld und Ohren leihen… Und am Ende ist sich doch jeder wieder der Nächste. Oder man genügt sich gleich ganz selbst. Unser Autor Stefan Kalbers hat sich dieses Themas bereits für unseren ehemals besten Freund angenommen. Mehr von ihm gibt es im neuen Jahr im neuen Heft, den zweiten Teil des Textes schon morgen.

von Stefan Kalbers
Neulich habe ich bei einer Lesung einen Witz gehört, der langsam an meinem linken Ohr vorbeitru- delte wie ein angeschossener Truthahn, um dann überraschend stumpf auf den Boden zu knallen. Vielleicht konnten die Mikroben auf meiner Kopfhaut darüber lachen, ich weiß es nicht. Der Witz geht so: Frage: Wo wohnen Katzen am liebsten? Antwort: Im Mietzhaus. Wenige Tage später drehte dieser Witz eine erneute Runde durch mein Gehirn. Vielleicht war er auf der Suche nach einem Plätzchen, wo er bleiben konnte. Diesmal mußte ich grinsen und schüttelte den Kopf. Das war doch albern oder doof oder beides. Wie wichtig es sein kann, über die gleichen Dinge lachen zu können, zeigt sich spätestens dann, wenn die Situation eigentlich schon nichts mehr zum Lachen hergibt. Wenn man sich die klassi- sche Zweierbeziehung als einen Mund auf einer großen Kinoleinwand vorstellt, dann sieht deren Verlauf im Zeitraffer doch immer gleich aus: Die nach oben gebogenen Mundwinkel mitsamt Lachgrüb- chen verziehen sich langsam nach unten bis die Lippen schlaff herunterbaumeln und man ein soge- nanntes „langes Gesicht“ macht. Das hormonverseuchte, debile Dauergrinsen wird zur verzerrten Psychomaske eines arbeitslosen Clowns, der sich in die Hose gekotet hat. „Schatz, ich habe vorges- tern heimlich in Deinen Tagebüchern gelesen, gestern die EC-Karte mit aufnotierter Geheimnummer verloren und heute festgestellt, dass ich von jemand anderem schwanger bin, Ha, Ha, Ha.“ In einer solchen Situation wäre es gut, mit einem eigenen, geschmackvollen Witz zu kontern und dann gemein- sam zu lachen. Das geht in einer Zweierbeziehung aber nicht. Dazu muß man Freunde haben. Am bes- ten einen sehr guten. Einen besten Freund. Und das hat erst einmal nichts mit Cowboyhüten und einer Schafherde zu tun, die es über den Winter zu bringen gilt. Während ich die Straße hinunterlaufe und mit dem ganz normalen Wahnsinn eines Freitagabends in der Innenstadt konfrontiert werde, fällt mir der Witz wieder ein. Seit ich ihn das erste Mal gehört habe sind ein paar Tage vergangen und inzwi- schen muss ich schon leise vor mich hin lachen. Mit jeder Sendewiederholung, die sich vor meiner inneren Mattscheibe abspielt, ein wenig lauter. Ich zücke das Mobiltelefon und rufe verschiedene Leute an, einfach so, nur um ihnen diesen einen Witz zu erzählen und abzuwarten, wie sie reagieren wer- den. Die meisten finden ihn lahm. Da kann man nichts machen. Über Humor läßt sich nicht streiten. Aber ich bin mir sicher, dass mein bester Freund darüber genauso lachen kann wie ich. Vielleicht wird er ein oder zwei Minuten brauchen. Vielleicht bedarf es zwei getrunkener Whisky um das Herz weit und die Seele empfänglich zu stimmen, aber dann… ganz sicher. Ich stecke das Telefon weg und freue mich auf den Sommer, der mit jeden zehn Minuten, die es abends länger hell bleibt, so sicher auf uns zukommt wie das AMEN in der Kirche.

Vor einem Technoclub steht King Kong in der Schlange und ich werde Zeuge folgenden Dialogs: Türsteher: Sorry, aber Du kommt hier nicht rein. King Kong: Liegt es daran, dass ich schwarz bin? Türsteher: Nein, es hat damit zu tun, dass Du nackt bist. King Kong leise zu sich selbst: Immer diese Affen an der Tür. Ich überlege mir, wen King Kong wohl zum besten Freund hat. Vielleicht Godzilla. Und ich stelle mir vor, wie Godzilla nach dieser Geschichte sagt: „Ok, laß uns den Laden auseinander nehmen.“ Ja, wäre es nicht schön, wenn ganz Deutschland nackt wäre? Nackte Polizisten jagen nackte Verbrecher. Nackte Politiker beantworten die Fragen nackter Journalisten. Und nackte Lehrer unterrichten nackteKinder. Hey Moment, habe ich das nur gedacht oder laut ausgesprochen? Kumpels hat man viele. Wer hilft beim Umzug? Wer leiht dir 20 EUR? Wer steht im Stadion neben dir und schüttet beim Torjubel die Fritten samt Ketchup auf die Hose? Kumpels eben. Freunde dagegen kann man an einer Hand abzählen. Wer hilft noch beim zwölften Umzug? Wer rasiert dir vor dem Date notfalls die Haare auf dem Silberrücken und behält es für sich? Wer sagt dir ins Gesicht, dass er deinen Geburtstag vergessen hat? Einen besten Freund hat man nur einmal. Wie warnt schon der Volksmund? „Verlaß Dich auf andereund Du bist verlassen.“ Bei mir hat es Jahre gedauert bis es mir nicht mehr unangenehm oder gar peinlich war, jemanden als meinen besten Freund zu bezeichnen. Dabei steht die Zuverlässigkeit als Kriterium an oberster Stelle. Während ich die Strasse überquere und irgendwo in der Nähe eine Polizeisirene immer lauter wird, beschleunige ich meinen Gang. Zwei Frauen, ganz in gelb gekleidet, kommen auf mich zu und wollen mir einen Flyer in die Hand drücken. Sie schauen mir in die Augen, aber ich schüttle nur den Kopf. Keine Zeit, ich bin verabredet, auf mich wartet nämlich jemand. Mit Mitte dreißig, wenn die Eltern tot sind, die Geschwister sich haltlos zerstritten haben und die Freundin auf und davon ist, dann beginnt man sich umzuschauen und wird möglicherweise böse überrascht.

Die Kumpels haben sich drastisch reduziert. Viele sind in ein frühkindliches Stadium zurückgefallen und schauen wieder „Wetten, dass…?“ Andere haben sich den sonntäglichen „Tatort“ als Gewohnheit zugelegt und fragen auf den erfolgten Schreikampf entsetzt zurück: „Aber warum, der ist doch eigentlich ganz cool?“ und „Viele in unserem Alter schauen den jetzt.“ Geht doch scheissen mit eurem hippen „Tatort“, lieber werde ich heroinsüchtig ode lass mich komplett schwarz tätowieren. Ja, auch im Gesicht und die Zunge und die Eichel. Bei den Freunden sieht es nicht viel besser aus. Manche sind aufgedunsen wegen der Psychopharmaka. Sie heulen dir stundenlang in den Telefonhörer, auch dann noch, wenn du ihnen nachdrücklich empfiehlst, sich endlich aufzuhängen. Andere haben
beschlossen, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten und auf die Schnelle noch ein paar Babys in die Welt zu drücken. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Natürlich werdet ihr alles ganz anders und viel besser als eure Eltern machen. Auf der anderen Seite, jetzt, wo die Bundeswehr auch am Hindukutsch die Demokratie verteidigt, kann etwas Nachschub an Kanonenfutter kein Fehler sein. Wer wird uns morgen die runtergerockten, alten Ärsche wischen? Wer hat Chancen, den heraufdämmernden Krieg zwischen China und den USA noch zu erleben? Wer wird live mitbekommen, wie das Trinkwasser immer weniger, dafür das Ozonloch immer größer wird? Wer wird erleben, wie ein Großteil der Erdbevölkerung einfach verhungert, während die Polkappen abschmelzen und die Wüste sich ausbreitet? Genau. Es ist alles gar nicht so schlimm wie es aussieht. Es ist viel, viel schlimmer. Es gibt Tage, an denen man verzweifeln möchte. An denen man geneigt ist zu sagen: Mein bester Freund, das ist der Alkohol. Tage, an denen man dem Beispiel Cobains folgen und die Schrotflinte aus der Garage holen möchte. Aber aufgeben heißt schon verloren haben und deswegen machen wir alle am besten die Augen zu und tun so, als ob nichts wäre. Sind sie nicht lustig, die kleinen Fruchtzwerge? Und wie süss die lächeln können. Und der Rest früherer Freunde? Ist nach Berlin gezogen als vermeintlicher Akt der ultimativen Problemlösung. Oder geht Pokern. Ich trete ins Halbdunkel meiner Lieblingsbar. Selbstverständlich wird hier geraucht. Kippen liegen gratis auf jedem Tisch und die Bedienung bringt auf Wunsch jederzeit neue. Mit den Augen gehe ich den Raum durch bis ich den Freund der Freunde gefunden habe. Der letzte, der mir geblieben ist. Er sitzt direkt an der Bar und hat auf mich gewartet, lächelnd, mit aller Zeit der Welt. Wer kann in dich hineinschauen wie in ein offenes Buch? Wer versteht genau, was du meinst, obwohl du nur eine kleine Geste angedeutet hast? Wen rufst du an, wenn nichts mehr bleibt außer Schreien? Und wer hat in dieser Situation genau die Worte parat, die du hören wolltest, um wieder runterzukommen? In wessen Gegenwart fühlst du dich gelöst und frei genug, einfach du selbst zu sein? Für wen würdest du zum Organspender werden? Wem vertraust du aus ganzem Herzen, weil du weißt, er würde dich nie hängen lassen? Hundertprozentig, niemals, unter keinen Umständen? Und wer hat den gleichen bescheuerten Humor? Ich setzt mich an die Bar und nicke in die Runde. Der Barkeeper bringt mir das gleiche wie immer. Mit dem Glas in der Hand proste ich den Jungs zu. Links von mir sitzt Tyler Durden aus „Fight Club“, rechts von mir Jack Torrance, der sympathische Familienvater aus „Shining“. Genau die richtige Gesellschaft, um einen Witz zu erzählen. „Hey Jungs, wißt ihr was? Wo wohnen Katzen am liebsten?“ Gegenüber der Bar, im Spiegel, blicke ich meinem besten Freund in die Augen und es ertönt ein Lachen, so dreckig, so schäbig und niederträchtig wie die Plastikseele von Paris who the fuck Hilton

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