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Ein Text von Jan Off
Dezember 12, 2008, 2:52 pm
Filed under: Heft, politik, vor ort | Schlagwörter: , , , ,

Papisten-Pogo

Wenn zwei außerirdische Abführzäpfchen wie Gloria von Thurn und Taxis und Joachim Kardinal Meisner gemeinsam ein Buch veröffentlichen, sollte das normalerweise nicht mehr als einen kurzen Vermerk in der Roten Liste der bedrohten Tierarten nach sich ziehen. Dass den beiden stattdessen (wie am 09.09. in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ geschehen) die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Benimmfibel mit dem Titel „Die Fürstin und der Kardinal – Ein Gespräch über Glauben und Tradition“ (Herder-Verlag) im Fernsehen vorzustellen, hat sicher etwas mit der voyeuristischen Freude zu tun, die das Betrachten sich tummelnder Exoten nun einmal auslöst. Wenn vermeintlich gebildete Mitbürger in aller Öffentlichkeit mit Verhütungsmethoden aus der Zeit des Postkutschenwesens aufwarten oder behaupten, dass sich Schwule „gesundbeten“ könnten, mag das ja auch noch durchaus erheiternd sein. Spätestens bei Thesen à la „die Pille ist Abtreibung“, „Abtreibung ist Massenmord“ oder „Kondome helfen nicht gegen Aids“ wird aus der Lachnummer dann allerdings ein gruseliger Trip ins Reich der Mumien, Monstren und Mutationen. Noch sind Positionen, wie sie diese beiden „Vertreter des ungeschützten Verkehrs mit Worten“ (Spiegel-Online) vertreten, zum Glück weit davon entfernt, gesellschaftliche Mehrheiten zu finden. Was aber, wenn dem irgendwann nicht mehr so sein sollte? Wird dann auch im Land der Schrebergärtner und Bausparer wie jüngst in Polen eine Untersuchung der Fernsehserie Teletubbies veranlasst, der die dortige Ombudsfrau für Kinder, Ewa Sowinska, „homosexuelle Propaganda“ unterstellt, da die männliche Figur Tinky Winky stets eine Handtasche mit sich führt? BLANK MAGAZIN stattete dem erzkatholischen Nachbarland einen Besuch ab und sprach mit Karolina Urbaniak und Lukasz Slawinski, zwei jungen polnischen Künstlern, über die aktuelle Situation von Frauen und Homosexuellen. Beide weisen gleich zu Beginn des Gesprächs darauf hin, dass sie selbst aufgrund ihrer beruflichen Situation sowie der Tatsache, dass in ihren Familien nahezu keinerlei katholische Traditionspflege betrieben wird, vergleichsweise unbeeinflusst vom gesellschaftlichen Klima leben können. Dennoch bleiben auch ihnen die zahlreichen Missstände nicht verborgen. „Obwohl wir bereits das 21. Jahrhundert haben, konserviert die katholische Kirche noch immer eine gesellschaftliche Hierarchie, an deren erster Stelle die Familie steht“, sagt Karolina Urbaniak. „Propagiert wird dabei natürlich das Modell vom arbeitenden Vater und der ihm ergebenen Frau, die ihr Dasein damit zubringt, sich in die Geheimnisse der Hausarbeit zu vertiefen. Ihre Hauptaufgabe besteht allerdings in der Produktion neuer Polen, also neuer Katholiken.“ Dass ein derartiges Weltbild Schwangerschaftsabbrüche nur als Ausgeburt des Bösen begreifen kann, liegt auf der Hand. Und tatsächlich wurde das entsprechende Gesetz auf Betreiben der katholischen Kirche und mit den Stimmen der Postkommunisten 1993 derart verschärft, dass Abtreibungen so gut wie nicht mehr erlaubt sind. Nur in wenigen Fällen, etwa wenn die Schwangerschaft auf eine Vergewaltigung zurückgeht, das Leben der Mutter bedroht ist oder von einer schweren Behinderung des Kindes ausgegangen werden kann, ist ein Abbruch legal. Eine fatale Situation, die dazu geführt hat, dass heute eine gut funktionierende illegale Abtreibungs-Szene existiert. Der Besuch bei den entsprechenden Ärzten sei allerdings mit hohen Kosten und großen gesundheitlichen Risiken verbunden, beklagt Karolina Urbaniak. Nicht zuletzt, weil sich viele der betroffenen Frauen die teuren Medikamente auf dem Schwarzmarkt besorgen müssten, wo zumeist Produkte äußerst zweifelhafter Herkunft angeboten würden. Die relativ laxe Praxis aus der Zeit des Kommunismus wünscht sich die sechsundzwanzigjährige Fotografin aus Krakau trotzdem nicht zurück. Zwar seien Abtreibungen damals noch ohne größere Hindernisse möglich gewesen, dafür habe es aber so gut wie keine Verhütungsmittel gegeben. In dieser Hinsicht habe sich die Lage verbessert. „Allerdings gibt es immer noch Frauenärzte, die sich weigern, die Pille zu verschreiben“, fügt sie hinzu. Außerdem sei der Preis deutlich zu hoch. Zusätzliches Manko: „Aufklärungsunterricht findet an den Schulen, wenn überhaupt, nur in den höheren Klassen statt.“ Angesichts der Tatsache, dass das polnische Gesundheitsministerium Pläne verfolgt, schwangere Frauen staatlicherseits registrieren zu lassen, um später zu kontrollieren, ob die Kinder tatsächlich geboren werden, eine reichlich  bedrücken- de Information. Auch Lukasz Slawinski beklagt die mangelnde Aufklärung, besonders im Hinblick auf die Gefahr von HIV-Infektionen. Zwar werden Medikamente an Aids-Kranke in Polen kostenfrei abgegeben, dafür fehlt es aber an allen Ecken und Enden an hilfreichen Informationen. So gebe es beispielsweise in Warschau nur eine einzige Beratungsstelle. Die Infrastruktur für Lesben und Schwule lässt auch in anderer Hinsicht zu wünschen übrig. „Obwohl meine Heimatstadt Sopot eine der hiesigen Partymetropolen darstellt, existieren ganze zwei Gay-Bars. Und auch die sind ständig von der Schließung bedroht“, sagt der fünfundzwanzigjährige bildende Künstler. Weitaus schlimmer sei allerdings die Situation im öffentlichen Raum: „Händchenhalten oder Küssen ist auf der Straße für Lesben und Schwule so gut wie unmöglich. Wenn du es trotzdem riskieren möchtest, bist du besser bewaffnet. Beleidigungen und scheele Blicke sind noch die harmloseste Reaktion.“ Er selber hätte bereits eine Bierflasche über den Schädel gezogen bekommen. Die Polizei ruft man in derartigen Situationen lieber nicht. Zwar hat Polen Homosexualität als Straftatbestand aus dem Gesetzbuch gestrichen, aber diese Information ist offenbar noch nicht bis in alle Polizeistationen des Landes vorgedrungen. Er sei erst vor kurzem in Arrest genommen und mit einem Ordnungsgeld belegt worden, weil er mit seinem Freund knutschend am Strand erwischt worden wäre, sagt Lukasz Slawinski und fügt dann lächelnd hinzu, dass man die Zustände in Polen dennoch nicht dämonisieren solle. Da mag er Recht haben, dennoch wäre es nachgerade erfrischend, die „Fürstin und den Kardinal“ einmal in einer ähnlichen Situation zu erleben. Ob sich die wohlfeilen Reden auch dann noch so geschmeidig über die Lippen schlängeln würden, wenn der staatliche Büttel den Knüppel schwingt? Es darf bezweifelt werden. Stattdessen gilt nach wie vor: Für Menschen, die das schöne Lotterleben bereits hinter sich haben, beziehungsweise noch nie eins vor sich hatten, ist es stets ein Leichtes, den ausgetrockneten Zeigefinger auf andere zu richten.

Schlussakkord: Als wir uns nach dem Interview an einem Krakauer Kiosk Zigaretten kaufen wollen, entdecken wir, dass dort eine reichhaltige Auswahl an Gay-Movies bereitgehalten wird. Selbst in einem fundamentalistischen Land wie Polen scheint der Kapitalismus also am Ende erster Sieger zu bleiben. Inwieweit das nun allerdings eine segensreiche Nachricht darstellt, sei der Allwissenheit des Herrn überlassen.

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