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Ein Text von Stefan Kalbers
Dezember 14, 2008, 5:03 pm
Filed under: HEFT ZWEI | Schlagwörter: ,

Wer kümmert sich um die Kinder?

Sexuelle Nahkampfpraktiken, insbesondere aber der Coitus, bargen zu allen Zeiten und an allen Orten der Welt zumindest zwei schwerwiegende Risiken:
1. Die Ansteckung mit Krankheiten (z.B. AIDS)
2. Die Zeugung von Artgenossen (z.B. Kinder)

Dabei ist es müssig zu diskutieren, welcher der beiden Spätfolgen der Vorzug zu geben ist. Fakt ist, es läuft auf den Tod des bisher gekannten Lebens hinaus. Besonders dann, wenn Punkt eins und zwei gleichzeitig auftreten. (Laut Google-Recherche kommen pro Jahr weltweit ca. 25.000 infizierte Kinder zur Welt.) Das ist ein stolzer Preis für ca. 7 Sekunden weltvergessende Glückseligkeit. Um eine solche Situation im Vorfeld zu vermeiden, ist die Antwort auf die Frage „Wer kümmert sich um die Kinder?“ recht einfacher Natur. Beim Mann: Kondom und Sterilisation Bei der Frau: Pille und Pessar. Gern gesehen werden auch so genannte Enthaltsamkeit, Masturbation oder naturbedingteUnfruchtbarkeit. Weniger gern gesehen werden rhetorische Verhütungsmittel wie: „aufpassen“, „besser aufpassen“ oder „ich hab’ doch aufgepasst“. Auch von Omas heißer Stricknadel oder Techniken wie positives Denken („Es wird schon nichts passieren“) gilt es, sich bitte zu verabschieden. Ach so, das hättet ihr vorher wissen sollen? In diesem Sinne ein herzliches „Grüß Gott“ an alle Jugendliche, Eltern und Alleinerziehende. Wenn ihr euch also in einer Situation wiederfinden solltet, in der es kein Zurück mehr gibt, ist davon auszugehen, dass auch Begriffe wie Abtreibung, Adoption oder Babyklappe bisher nicht in eurem Wortschatz zu finden waren. Zugegeben, es soll auch Vertreter des Homo sapiens geben, die willentlich Nachwuchs herbeificken, stellt sich nur die Frage „Warum?“. Die These, dass der Wunsch nach Kindern auf eine vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn zurückzuführen sei, ließ sich wissenschaftlich bis jetzt weder erhärten noch widerlegen. Im großen Lexikon der Kneipenphilosophie fand sich jüngst folgender Eintrag: Frauen wollen Kinder, weil diese ihrem Wunsch nach bedingungsloser Liebe am ehesten entsprechen. Das Neugeborene hat nämlich gar keine andere Wahl, als seine nächste Bezugsperson abgöttisch zu lieben. Nüchtern und global betrachtet, lassen sich ohne weiteres zahlreiche Argumente finden, die gegen eine Weitergabe des eigenen Genmaterials sprechen. Stichwortartig seien hier lediglich angeführt: Weltweite Überbevölkerung, damit verbundene zunehmende Nahrungsmittelknappheit, inklusive Trinkwasserproblematik, Zusammenbruch der Sozialsysteme, voraussichtliche Völkerwanderungen bedingt durch ansteigende Armut und Folgen des Klimawandels, Verknappung der Rohstoffe, Energiekrisen und wachsende Kriegsgefahr. Wer bitte möchte seinen
Nachwuchs diesen Lebensbedingungen aussetzen? Ist es nicht furchtbar egoistisch und unvernünftig, trotzdem Kinder in die Welt zu setzen? Auf der anderen Seite: Hat es Sinn, zu rauchen, obwohl man weiß, dass es der eigenen Gesundheit Schaden zufügt? Hat es Sinn, auf ein achtes Bier noch ein neuntes draufzukippen, weil es so gut schmeckt? Hat es Sinn, in der Innenstadt auf einer Strecke von 400m lautstark von 0 auf 80 zu beschleunigen und dann scharf abzubremsen, wenn die nächste rote Ampel schon lange erkennbar ist? Hat es Sinn, im Jahr 2008 noch ein Plattenlabel oder ein Printmagazin zu gründen? Es scheint mit der Vernunft nicht so weit her zu sein auf diesem Planeten. Ein Argument, das wir also getrost vergessen können. Vielleicht auch, weil es sich nach Ursel, ich bin hier voll der Laie, schlicht um die falsche Maßeinheit handelt. Jeder, der schon einmal einen frisch geborenen Säugling im Arm hatte, weiß das. Da werden ganz andere Instinkte angesprochen. Diese kleinen Finger. Dieses herzhafte Gähnen mit geschlossenen Augen. Und die riechen so gut. Ein Aspekt soll hier trotzdem noch beleuchtet werden: Die Deutschen sterben aus. Wie sagte mein guter alter Freund Alfred E. Neumann dazu: Na und? Wenn morgen die Nachrichten verkünden, dass die Neuseeländer oder die Schotten vom Erdboden verschwunden sind, wie sehr geht uns das zu Herzen? Eben. Die Deutschen sterben aus. Mir kommen die Tränen. Wir gehen also davon aus, dass Kinder in die Welt zu setzen etwas Irrationales an sich hat, und vor allem, dass wir es nicht verhindern können. Auch wenn wir uns im Recht und die besseren Argumente auf unserer Seite glauben. Permanent gegen die Tatsachen des Lebens ankämpfen zu wollen, ist auf Dauer zermürbend, macht unsympathisch, kostet Freundschaften und zeugt von Unreife. Sich in der Rolle des Kinderhassers und Weltverweigerers einzurichten, ist schlicht albern. Ach, wäre ich nur der alleinige Herrscher über die Welt! Aber so… Wer kümmert sich also um die Kinder? Im Auftrag des BLANKMAGAZIN schnappen wir uns die Kamera und den Hubschrauber, und los geht’s! Mit Weihwasser und Knoblauch im Gepäck auf dem Weg in die Hölle der Elternschaft. „Wollen Sie einen Kaffee?“, fragt die rothaarige Monika Piercing-Style* (23) zum Einstieg und liefert die Antwort gleich dazu. „Dann gehen Sie mal in den Supermarkt um die Ecke und bringen bei der Gelegenheit gleich Klopapier mit. Das ist nämlich alle.“ Stolz zeigt uns die junge Frau ihre Tattoos und die stattliche Sammlung sorgsam gehegter Vinylsingles. Auf den Kopf gefallen ist die zierliche junge Frau sicherlich nicht. Auch in der Genderdebatte weiß sie rhetorisch zu überzeugen und lebt dem eigenen Gewissen folgend streng vegan. Wobei sie sich gewissen Aspekten der Fleischeslust anscheinend nicht verweigern mag; gründet sich die plötzliche Schwangerschaft doch sicher nicht auf erhörte Gebete. Die zwei Mitbewohnerinnen ihrer Frauen-WG freuen sich jedenfalls mit auf das Kind.

„Und der Vater?“, will ich wissen. Allgemeines Schulterzucken. Erzählungen zufolge soll der junge Mann zunächst etwas überrascht aus der Wäsche geschaut haben. Obwohl morgendliches Erbrechen und stundenlanges Unwohlsein auch ihm bekannt vorkommen, betrifft ihn die Schwangerschaft doch anders, als er zunächst glauben mag. Er sammelt ebenfalls Vinylsingles und hängt bei Undergroundkonzerten ab. Darüber hinaus beschränken sich seine Aktivitäten vermutlich auf Biertrinken und schlafen. „Vermutlich“ deshalb, weil eigentlich niemand so recht weiß, wo sich der Herr Bongmaster 5000* den lieben langen Tag herumtreibt. Kennt überhaupt jemand seinen vollen, bürgerlichen Namen? Jedenfalls besagen Gerüchte, er freue sich auch; man werde zusehen, wie man sich arrangiere etc. Im Übrigen lässt er anfragen, ob ihm jemand 50 Euro leihen könne. Hoffen wir das Beste. Und damit meine ich nicht die Sache mit den 50 Euro. Zwei Kilometer Luftlinie entfernt: Häuser aus den fünfziger Jahren. Dicht gedrängt. Immerhin vor nicht allzu langer Zeit renoviert, da sämtliche Gebäudekomplexe der Stadt gehören. Wer hier wohnt, hat seine Wohnung vom Wohnungsamt zugewiesen bekommen. Überdurchschnittlich viele Namen an den Klingelschildern, die auf Menschen mit Migrationshintergrund schließen lassen könnten. Prinzessin Prosecco-aus-der-Dose* (28) stammt aus einer eher ländlichen Gegend, hat zwei Geschwister und ist, das kann man sagen ohne rot zu werden, ein herzensguter Mensch. „Kinder waren schon immer ein anvisiertes Lebensziel“, sagt sie, nicht ohne einen Anflug von Stolz. Allein die Berufswahl – Kindergärtnerin – gleicht einem Glaubensbekenntnis. Allerdings erfolgte auch hier der Eisprung etwas unkontrolliert. Ein Prosecco zuviel und schwupps – schon vorbei. So gut der elterliche Rat mit einer Haftpflichtversicherung auch gewesen sein mag, für diese Art von Unfall ist sie leider nicht zuständig. „Hatten Sie denn nie mit dem Gedanken gespielt, eventuell medizinisch einzugreifen?“ Ich ernte eisiges Schweigen und die Augen blitzen, als sei ich das personifizierte Böse. Dass die Statistik der jährlich willentlich herbeigeführten Schwangerschaftsabbrüche (laut Wikipedia 119.710 im Jahr 2006) ohne sie auskommen muss, war also von Anfang an klar. Der auf diese Weise in den Stand des Vaters erhobene Student gibt sich tapfer. Monatlich ausgehandelte Geldbeträge wechseln den Besitzer, einmal die Woche besucht das Kind die WG des Erzeugers. Trotzdem bleibt auch hier als finanzieller Rückhalt der gute Wille des Volkes – Hartz IV lässt grüßen. Ob das Kind eher mit oder eher ohne Vater aufwächst, bleibt abzuwarten. Allerdings greift auch bei diesen Betroffenen die Erkenntnis um sich, dass handfeste Verbindlichkeiten mit dem alten Freundeskreis kaum in Einklang zu bringen sind. Ein Festnetzanschluss für das Telefon lohnt schon gar nicht mehr, weil sowieso keiner anruft. Aber im Fernsehen kommen abends ja auch ganz gute Sachen… Wieder im Hubschrauber blättere ich nur zur Sicherheit noch einmal in Band 9 der Gesammelten Volksweisheiten und stoße auf folgenden Abschnitt: Historisch betrachtet, haben viele Kinder ihre Existenz dem Zufall zu verdanken. Die Ausgangslage einer Geburt ist im Grunde nie perfekt. Den richtigen Zeitpunkt gibt es praktisch nicht. Siehe auch → Diskussionen im Feuilleton der großen Wochenzeitungen. Aber der Kopfschmerz in meinem Schädel schreit trotzdem nach einer Tablette. Im Laufe der nächsten drei Flugminuten werden die Grünflächen zwischen den Grundstücken langsam üppiger. Die meisten Häuser hier sind freistehend. Wir befinden uns am Stadtrand, fast schon Vorstadt. Deutlich weniger Menschen sind auf den Straßen zu finden. Es ist heller Tag. Der Hubschrauber wirft einen Schatten ins Bild, dabei habe ich dem Kameramann extra gesagt, er soll zur anderen Seite hinausfilmen. „Schlimm?“, fragt er. Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Das kriegen wir schon hin.“ Notiz im Hinterkopf: Kameramann unfähig. Bei nächstbester Gelegenheit feuern. Ach, läge die Weltherrschaft doch allein in meinen Händen! Als die Klingel im Haus von Familie Wohlbedacht ertönt, höre ich das Tapsen eines Hundes hinter der Tür. Renate Wohlbedacht* (31) öffnet mit dem kleinen Paul* (3) auf dem Arm. Um ihre Beine streicht ein Golden Retriever, der mit dem Schwanz wedelt. „Wir gehen am besten in den Garten.“, schlägt sie vor. Bei einer Tasse Kaffee gibt sie bereitwillig über ihr Leben Auskunft, während uns Tochter Henriette* (4 1/2) auf der Schaukel vorführt, wie hoch sie schaukeln kann. Das Ehepaar hat bereits drei Jahre vor der Hochzeit zusammengelebt. Während der Mann nach dem Studium auf der Suche nach dem besten Job war, skizziert die Frau ihre Vorstellungen vom geeigneten Haus. „Die Schulden drücken natürlich.“, sagt sie. „Ein Jobverlust würde alles über den Haufen werfen.“ Als das Haus gefunden war, stellte sich wie von selbst die erste Schwangerschaft ein. „Ist das etwa ein Gartenzwerg da hinten?“, frage ich vorsichtig und blicke in Richtung der selbstgezüchteten Tomaten. „Nein, aber gehen sie mit den
Schuhen bitte aus dem Blumenbeet. Das sind besondere Keimlinge aus Japan.“ „Wuff“, macht der Hund. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Wir verabschieden uns. Wieder im Hubschrauber sage ich dem Piloten Eckermann, dass er die Bomben jetzt scharf machen kann. Als alleiniger Weltherrscher möchte ich gern die ganze Stadt in Schutt und Asche legen. Außerdem weise ich ihn an, für meine Annalen Germania folgendes zu notieren:
1. Nachwuchs auf jeden Fall vermeiden. Die Leute wollen nicht wahrhaben, dass wir insgesamt schon längst viel zu viele auf diesem Planeten sind.
2. Sind die kleinen Racker aber erstmal da, dann bitte auch volle Verantwortung übernehmen. Wenn sich die Eltern nicht um die Kinder kümmern, dann machen das andere. Als da wären z.B. die BRAVO, Computerspiele, das Internet, Drogen, Privatfernsehen, fiese Mitschüler, der Kapitalismus, der Staat. Liebe ist nur ein anderes Wort für das Schenken von Aufmerksamkeit, Zeit und Lebenserfahrung.

Und da kommt auch schon der Dirk, mein Pfleger. „So, Herr Kalbers, Zeit fürs Abendessen, danach nochmal Gruppentherapie. Was schreiben Sie denn da? Wieder mal träumen von der Weltherrschaft? Sie wissen doch, was der Therapeut gesagt hat: Aufhören zu schreiben, anfangen zu leben. Und suchen sie sich endlich mal ne Freundin….“ „Aber warum, ich…“ „Abendessen!“

*Name von der Redaktion geändert

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1 Kommentar so far
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So sieht’s aus, Herr Kalbers, genau so.
Kann ich bei Gelegenheit mal die Nummer von diesem Hubipiloten haben?

Kommentar von Suse




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