Faceyourmagazine's Blog


Yo Majesty und The Cool Kids
Dezember 16, 2008, 12:48 pm
Filed under: Musik | Schlagwörter: , , ,

The Kids Are Alright!

In den letzten Jahren kam man nicht selten ins Grübeln darüber, ob sich der übermächtige Hip Hop-Zug gerade nicht langsam, aber doch ziemlich sicher über die Grenze des guten Geschmacks hinaus in Richtung Sackgasse, also Totalschaden bewegt. Sollte es tatsachlich zu spät sein für dieses äußerst junge Genre?

Die Freude an Innovationen wie Crunk, am lautesten gepusht vom blökenden und grunzenden Lil’ Jon, und dem Credo „Masse statt Klasse“ unterworfen, ist doch eher zweifelhafter Natur; eigentlich sollte jeder nicht schwerhörige oder masochistisch orientierte Erdenbürger beim Erhören derartiger Geräuschkreationen um Gnade winseln – schön klingt definitiv anders. Und auch wenn die Jungs aus der Aggro-Riege zumindest den deutschen Hip Hop wiederbelebt haben, so orientieren sich auch Sido&Co, die früher sogar mit dem Einsatz simpler Playstation-Beats zu verzaubern wussten, mittlerweile stark am amerikanischen Hip Hop-Hitparadensound.

Doch es scheint Hoffnung zu geben. Eine neue Generation bahnt sich ihren Weg von Myspace in die Clubs – zum Beispiel in Gestalt von Hipster Rap.

DJ Chuck Inglish aus Detroit und MC Mikey Rock aus Chicago sind als The Cool Kids die Oberhipster und mischen das Geschäft mit den Beats auf. Agierten sie anfangs noch ausschließlich online und planten dies auch beizubehalten, so sind sie mittlerweile in den USA, Großbritannien und Deutschland unter Vertrag. Schließlich soll im Januar das Album „When Fish Ride Bicycles“ ins reale Rennen geschickt werden, nachdem Mikey und Chuck sich zuerst mit Online-Hits wie „Black Mags“ und zuletzt mit ihrer EP „The Bake Sale“ bewiesen haben. Darauf mixen sie unerschrocken Old School-Einflüsse wie A Tribe Called Quest oder 2 Live Crew-Partybeats mit South-Styles, wie sie Timbaland in frühen Zeiten glänzen ließen – das Prinzip „Aus alt mach’ neu“ hat durchaus seine Berechtigung. Auch eingefleischte Hip Hop-Fans nicken bei der ersten Begegnung mit den coolen Jungs enthusiastisch mit dem Kopf: weil hier Wiedererkennen und Entdecken eine Symbiose bilden, Altbekanntes im neuen Zusammenhang glänzt und die Macher es sich herausnehmen, etwas zu pflegen, das fast vom donnernden Mainstream erstickt worden wäre – ein kleines bisschen Klarheit. Sauberer Sound, der trotzdem boomt. Klingt appetitlich – good bye Übersättigung. Schon überraschend „back to the roots“ ist der Cool Kids-Sound, auf Wesentliche reduziert und nicht überhörbar von der guten alten Schule inspiriert. Obwohl sich Mikey gegen das Prädikat „Oldschool“ wehrt, als sei es ein Vorwurf: „Also bitte! Was ist an unseren Beats und Rhymes Oldschool? Ich sehe das in keiner Weise.“ (Backspin #98). Optisch überraschen die beiden Reimer, statt 6XL-Wear gewanden sich die Herren in Röhrenjeans und Retro-Shirts. Man legt keinen Wert auf zwanghafte Identifikation, sondern auf Originalität. Und beweist damit eine wahre Hip Hop-Tugend: Realness. 

Womit wir bei Yo Majesty wären. Diese beiden Hip Hop-Ladies pflegen das Prinzip der Realness intensiv. Denn obwohl Frauen eigentlich die Rolle des Sexobjektes einnehmen, haben sich LaShunda Flowers und Jewel Baynham aka Jwl. B und Shunda K. Hip Hop zum Aufklärungsinstrument gemacht. Die beiden sind lesbisch. Das zeigen sie offen und nutzen ihre Außenseiterstellung zur Interessenvertretung. Während sich The Cool Kids textlich eher im Fun-Sektor bewegen, beziehen Yo Majesty Position. Ob Prostitution oder Aids – es geht um Rollenvorstellungen und deren Erfüllung, um soziale und gesellschaftliche Missstände, um Akzeptanz. Und natürlich wird auch mal verbal auf schmierige Chauvie-Typen gespuckt. Sich aufdrängende Emanzen-Vorurteile sollte man verbannen, denn dafür sind die beiden Rapperinnen aus Tampa, Florida viel zu entspannt. Anstatt ausschließlich den Buh-Mann anzuklagen, preisen Yo Majesty die „Kryptonite Pussy“ – die Frau als starkes Geschlecht. Wozu auch recht häufige Oben-ohne-Auftritte zählen – warum nicht Jwl. B und Shunda, wenn’s jeder Mann kann? Ein bisschen erinnert die Attitüde der beiden an die unbesiegbare, vor überweiblichen Kräften strotzende Brunhilde aus dem Nibelungenlied, die ihren Lover Siegfried permanent unterjocht. Während sich ihre Texte in einer äußerst expliziten, rauen Liga bewegen, entstammt die musikalische Untermalung einem anderen Universum, dem des Produzententeams Hard Feelings UK. Zuckrige Beats, die Elektropop entlehnt wurden, verschrobene Sounds im Puppet Maztaz-Style, spärisches Geklimper und Gesause – trotzdem nicht überladen. Sanft bis schiebend, ab und zu orientalisch oder tribalesk („Fckd Up“), psychedelisch. Und wirklich innovativ. Nicht ohne Grund konnte sich der NME so stark für Yo Majesty begeistern, weshalb sich die beiden Ladies nach dem diesjährigen Erscheinen ihres Albums mit dem vielsagenden Titel „Futuristically Speaking…Never Be Afraid“ (Domino Records) auf der Liste der elf Top-Newcomerbands 2008 befinden. So langsam bin ich mir ziemlich sicher: Noch ist die Zeit nicht gekommen.

tits

(TM)

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: