Faceyourmagazine's Blog


Auch beim BLANK dabei: Nilz Bokelberg
Dezember 19, 2008, 5:26 pm
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Ein Rückblick als Vorgeschmack. „Verschlimmbessern“ vom August 2008:

Vor Jahren sangen Atari Teenage Riot einmal „Deutschland has gotta die!“ und je älter ich werde, desto weniger kann ich ihnen widersprechen. Deutschland ist doch irgendwie echt scheiße geworden. Also, jetzt nicht so gelangweiltes Kaffee Latte-Gelaber über angebliche Eigenheiten der Deutschen, und dass der Rentner, mit dem Kissen auf seine Fensterbank gestützt, jeden Falschparker aufschreibt, das ist mir scheißegal, selbst wenn es so wäre. Ich meine einfach so: Deutschland ist irgendwie scheiße. Alles in diesem Land nervt. Die Politik ist selbstgerecht, recherchefaul, beratungsresistent und eingebildet. Sozusagen Einbildungsbürgertum. Mehr Überwachung gegen mehr Bedrohung. Mehr Kitas gegen mehr Verwahrlosung. Immer mehr gegen irgendwas. Wo sind denn da, bitte schön, die Ideen? Wo ist die Freshness? Kurt Beck ist als Kanzlerkandidat nicht tragbar und mit Steinmeier kommt statt der Rettung die nächste nicht tragbare Figur um die Ecke. Was wiederum kein exklusives SPDProblem ist, denn in den anderen Parteien sieht es auch nicht besser aus: Für wen Personal wie Koch, Huber, Wagenknecht oder Ströbele eine entscheidende Rolle spielt, der sollte sich mit seiner Kritik an den jeweils anderen doch eher bedeckt halten. Aber wenn es das nur wäre! Neben Gesetzesentwürfen am laufenden Band, die zielsicher an sämtlichen gesellschaftlichen Realitäten vorbeigehen, kochen die Menschen, die regiert werden, ihr ganz eigenes Süppchen. Da wird Rattenfängern à la Broder lauthals zugejubelt, nur weil sie ihrer Meinung nach unbequeme Statements äußern, um die sie keiner gebeten hat. Aber warum sind solche Dampfplauderer so beliebt? Weil sie wenigstens eine Meinung haben! Sie haben zwar keine Ahnung, können nicht logisch schlussfolgern und Recherche (damit meine ich in diesem Fall: 2:30 Minuten googeln) ist ihnen ein so großes Gräuel, dass sie lieber einen meterweiten Bogen darum machen. Aber sie meinen etwas. Und das finden die Leute wohl gut und die Redaktionen originell. Wenn man sich schon stolz das Gemecker und Gezeter eines scheinsenilen Opas ans Revers heftet, dann kann es nicht mehr lange dauern, dass die nächsten Polemiker in den städtischen Schrebergärten rekrutiert werden. Oder schon längst wurden? Ach, aber wären es doch nur die Presse und die Politiker, dann könnte man das ja noch verkraften. Aber wo soll man heutzutage leben?

In Köln, der zugegeben besten Stadt der Welt, die aber im Moment in einer dermaßen tiefen Lethargie weilt, dass man dort überhaupt keine Impulse für irgendetwas erwarten kann, außer dem nächsten Sessions-Hit? In Hamburg, der Stadt der gelangweilten Kulturszene, wo ehemalige Oberpunkrocker mittlerweile schon vom städtischen Kulturbetrieb so weit vereinnahmt wurden, dass sie am Theater inszenieren, was dem Haus den gewünschten Faktor „Dreck“ beschert, die Künstler dabei aber so assimiliert, dass sie nur ein weiterer Bestandteil einer Inszenierung namens „Theater“ werden, die dazu dient, den Abonnenten zu helfen, ihre Ärsche platt zu sitzen? Etwa in München, der Stadt der gesund aussehenden Mädchen und der Polizei, die Menschen nach Frisuren klassifiziert? Oder in Berlin, wo alle alles machen können, aber die paar wenigen, die überhaupt was machen wollen, nur dasselbe machen? Ach, wären es doch nur die Politik, die Presse und die Städte, wir lebten in einem Schlaraffenland. Aber wenn man sich dann beispielsweise mal das Fernsehen ansieht. Auf der Haben-Seite der Dinge, die mich unglücklich machen, haben wir zum Beispiel die GEZ. Wobei ich die Idee und den Gedanken von gebührenfinanziertem Rundfunk gar nicht falsch und schlecht finde. Und auch die daraus entstehenden Programme kann ich zwar nicht zur Gänze gutheißen, sie wissen mich aber doch auch immer wieder zu erfreuen. Vor allem, wenn man mal Samstagnacht einen Bond gucken kann, ohne die ständige Angst vor der Werbung, dann ist das schon eine Menge wert. Ich nehme aber auch Werbeblöcke gerne und billigend in Kauf, wenn ich dafür dann auch manchmal äußerste Qualität geboten bekomme, wie zum Beispiel einen „Dr. Psycho“. Da stört mich dann auch nicht, dass es noch sehr viel mehr Programm gibt, das mich nicht interessiert.

Was ich hingegen nicht verstehen kann, ist mangelnde Risikobereitschaft. Quotenabhängigkeit. Gemecker und Gezeter. Oder in Hinsicht auf die öffentlich-rechtlichen: Gelaber vom „Staatssender“. Also wirklich, so ein Quark . Was mich hingegen auf die Palme bringt: Zu behaupten, Netzangebote, die von zwangsgebührenfinanzierten Sendern kommen, seien wettbewerbsverzerrend, weil man, wenn man Privatanbieter ist, den Kampf gegen die rein finanzielle Ausstattung der Sender und ihrer Angebote, nicht auf sich nehmen kann. Ich würde gerne den Idioten, die mit ihren dämlichen Lobbyisten den neuen Rundfunkstaatsvertrag durchgesetzt haben, zurufen: Danke für das Verbieten einer Informationsquelle und entschuldigt, dass ich so selten auf eure Banner klicke. Ich verspreche Besserung. Ihr Penner. Aber wären es doch nur die Politik, die Presse, die Städte und das Fernsehen. Deutschland gölte als Musterland für jeden Staat, weltweit. Aber man muss sich auch mal die Bildungssituation ansehen. Ihr wollt wissen, warum die Schüler verblöden, verrohen, verdödeln? Ihr glaubt, das liegt am Internet? An Ballerspielen? An Rap-Musik? An Actionfilmen?

Ich sage es euch gerne: Es liegt an Eltern. An beschissenen, überbesorgten, egoistischen Karrieristen-Eltern, die ihren täglichen Kampf um Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz („Sehen Sie mal, Chef, ich habe einen neuen Claim geschrieben!“) unbeirrt in der Schule im Namen ihres Kindes fortführen („Sehen Sie mal, Frau Klassenlehrerin, ich habe für die ganze Klasse neue Atlanten gekauft, im Namen meines Sohnes Johnny-Marie!“). Denen geht es in erster Linie um das Wohl der eigenen Brut, anstatt die Augen zu öffnen für einen Blick auf eine gewisse Art der Gesamtsituation. Zum Beispiel dem Klassenverband. Sie übervorteilen und überfordern ihre Kinder. Und diese denken dann, wenn sie nur nervig genug blöken, kriegen sie sofort alles geschenkt, was sie wollen. Und stattdessen bekommen sie dann mit 13 Ritalin in den Rachen gestopft, damit die selbst geschaffenen Monster schön die Fresse halten. ADS my ASS. Ich träume von einem Land, in dem nur die Politik, die Presse, die Städte, das Fernsehen und die Bildung das Problem sind. Da wäre ich gerne sofort zu Hause. Aber es gibt noch so viel mehr, was nicht klar geht. Alles teuer, alles hässlich, alle Scheiße. Andererseits: Frisch verliebt finde ich es hier irgendwie ziemlich gut.

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