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Thieves Like Us – Play Music
Dezember 19, 2008, 4:59 pm
Filed under: Musik | Schlagwörter: ,

Aus meinem Briefkasten ziehe ich ein braunes Päckchen, das aufgrund der Gewalteinwirkung des Postboten aussieht wie ein Cornflake, ganz schön zerstört. Zerstört ist auch die Lady im schicken Cocktailoutfit, die auf dem Cover des Debütalbums von Thieves Like Us, das ich aus dem ramponierten Umschlag ziehe, zu sehen ist. Mit dem Glas noch in der Hand, dem Gesicht schon auf dem Asphalt und ihren schönen Beinen ganz verdreht, liegt sie höchstwahrscheinlich vor den Toren einer großstädtischen Vergnügungsanstalt. Ganz schön abgefuckt. Und trotzdem irgendwie anziehend. Eine ähnlich verstörend-elektrisierende Stimmung schwingt auch auf „Play Music“ (seayou records) mit. Andys Stimme ist manchmal monoton-bedrohlich wie im Kraftwerk-inspirierten, kalten und im Verlauf immer psychedelischer werdenden „Program Of The First Part“, verballert wie in „Fass“, das eine musikalische Mischung aus Loveparade-Techno und 80er Wave-Sound bereithält oder autistisch wie in „An Easy Tonight“. Das vor Happyness nur so sprühende „Drugs In My Body“ (wen wundert’s, bei dem Songitel?) hüpft, quietscht und strahlt wie Justice eng umschlungen mit den Pet Shop Boys und Daft Punk – obwohl es um das Vertreiben von Liebeskummer mit Hilfe von Drugs&Rock N’Roll geht. Wenn man genau hinhört, kann man den Röhrenjeans tragenden Boy mit 80er-Shirt, hängendem Kopf und großen Pupillen im Stroboskoplicht stehen sehen. Ab und an klingt ein Gitarrenfragment aus dem Popcornsound – „Drugs In My Body“ klingt so unwiderstehlich naiv, dass Kitsuné-Records zugeschlagen und den Song als Single veröffentlicht hat. Die drei Herren geben selbst an, sich ausgiebig in der Berliner Clubszene umgesehen zu haben und ihre Texte spiegeln das nächtliche Miteinander von Sex, Drogen und Musik durchaus wieder, zum Beispiel anhand von Abcheckprotokollen wie dem Text von „An Easy Tonight“: „Standing there with darkened hair/ A crystal look a crystal stare/…a soft affair /An easy tonight/…do I want to get to her?/ …do i want to know her name?“. Der gefühlskalte, tote Klang der Stimme wird von einem zähen, metallischen Sound bestens unterstützt, musikalisch standen New Order und Depeche Mode Pate. Vom abgetöteten Sound von „An Easy Tonight“ setzt sich das schwer nach Clubhymne klingende „Your Heart Feels“ mit einem dumpf grummelnden, schiebenden und von Geklimper aufgelockerten Indie-Sound stark ab. Vocals im Abzählrhytmus, gesungen wie auf Downers – klingt wie gewohnter Exzess. Wirklicher Enthusiasmus ist nicht das Ding der Thieves Like Us. Trotzdem eine feine Platte für kalt-graue Tage in der heimischen Höhle.

tluplaymusicfront11

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