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Prosa zu Weihnachten
Dezember 24, 2008, 5:52 pm
Filed under: HEFT ZWEI

BLANK bedient die Lust am Lesen und liefert zwischen den Jahren Prosatexte, die mehr als nur beiläufiges Durchblättern provozieren. Einlassen auf Sujet, Stil und der feste Wille, sich mit einem und für den Text zu engagieren. So, wie man es ab Ende Januar aus „Heft Zwei“, dem Innenteil des BLANK gewohnt sein wird. Den Anfang machen im Folgenden: Ariane Sommer und Roman Libbertz.

 

Er war schön. Fast zu schön für mich. Kein Ficktier. Mein derzeitiger Geschmack trieborientierte sich an dem Rauhen, Zerklüfteten. Er passte in die Kategorie Mr. Right. Doch den suchte ich nicht, ich wollte Mr. Right Now. Dumpf erinnerte ich mich, warum ich eingewilligt hatte, mit ihm essen zu gehen. Etwas, das sich in seinen Augen versteckte, einem unerwarteten Versprechen gleich. Düsternis hinter dem dünnen Film Licht. Vielleicht würde er verstehen. Jackpot. Nach „prinzessinnenähnlichem“ Zögern hatte sie mir ihre Telefonnummer gegeben, mehr gekritzelt. Soll ich Rosen bestellen, sie mit einem schicken Auto abholen, sie in ein sündhaft teures Restaurant entführen, ihr den Hof machen? Wieso schenkst du ihr nicht gleich dein gesamtes Geld – wenn sie einwilligt, hast du dasselbe! Nur Restaurant. Ich rief sie an: „Plan ist folgender… .“Verwunderlich, wie Frauen unter Druck zu Dingen zu bewegen sind oder ihr Unverständnis, dass diese Unterform von Aggression nur überspielte Angst vor Zurückweisung ist? Egal! Ich ließ ihr keinen Ausweg, wählte den Schlachtplatz und wir gingen essen. Ich trat zehn Minuten zu spät durch den Eingang des teuren Szenerestaurants. Er hatte sich Mühe gemacht, das war nett von ihm. Nett brauchte ich nicht. Restaurants sind Zeitverschwendung, stehlen der Nacht die Stunden. Zwischen Maskenmenschen und Frauen, die alles, was sie anzubieten hatten, wie auf einem Tablett vor sich her trugen, saß er am Tresen, gedankenversunken. Ich verharrte hinter ihm, unbemerkt, nahm mir den Moment und atmete seinen dunklen, bubenhaften Schopf. Sein Duft. Speichel floss in meinem Mund zusammen.Das mir vertraute Zittern im Beckenbereich setzte ein. Die Schmetterlinge im Bauch – ein Strom aus Testosteron, in den Unterleib fließend. Rote Brandung, gegen Fleischufer prallend. Mit schwitzigen Händen kam ich zehn Minuten zu früh an. Unser Tisch war noch belegt. Scheiß In-Restaurants! Ich nahm an der Bar Platz und genehmigt  mir einen Gimlet. Keine Ahnung, warum ich mich für diesen Drink entschied. Saubitter, diese Plörre! Da saß ich also mit meinem unsäglichen Getränk, rutschte auf dem Barhocker umher; Geduld ist nicht meine Stärke; ich überlegte mir meine ersten Sätze, wollte den Abend geheuchelt in Schönheit tauchen, sie nicht zu schnell idealisieren, ein Gefühl von Augenhöhe vortäuschen und sie erlegen. Sieben, zehn, zwölf Minuten, acht Schulterblicke, siebzehn Minuten, vier weitere Schulterblicke, die Zeit verging langsamer als ein Hund gähnt, bis sie mir endlich ihre Hand auf den Rücken legte, ich herumfuhr, und da stand sie. Sternschnuppenfunkeln in ihren Augen, meine Erinnerung an ihr Aussehen hatte mich nicht betrogen und Zeit vaporisierte sich. Eine halbe Stunde an einem heißen Ofen vergeht nicht, mit einer gutaussehenden Frau hingegen in Sekunden, das ist Relativität! Wir kommunizierten hart, versuchten, den anderen auszuspielen, und trotzdem quittierte ich durch ihre mehrmals lächelnden Zähne einen Teilerfolg. Als unsere Gläserböden fast trocken waren, geleitete uns der Maître an einen Tisch im hinteren Bereich, in der Nähe der Toilette. Scheiß In-Restaurants, und nein, ich will wirklich essen. Das Gespräch plätscherte in potemkinschen Belanglosigkeiten dahin. Ich aß ohne Hunger, während ich mich verzehrte. Kurz stellte ich mir vor, seine Hand samt Gabel unter den Tisch zwischen meine gespreizten Schenkel zu führen, die Strumpfhose zerreißend. Ich ließ, was ich lassen musste, um die Beute der Nacht nicht zu verschrecken. Menschliche Gehirne wanden sich wie Bonsaibäume um das kulturelle Konstrukt dessen, was akzeptabel war. Der Lack über meiner Lust war dünn, und ich fühlte, wie mit jedem Schluck mehr von der Schicht abplatzte. Ich verfügte weder über die notwendige Geduld noch die Zeit, um auf seinen ersten Schritt zu warten. Wozu ist der Mensch auf der Welt? Zum Sterben? In Rumhängen und Warten war er noch nie gut genug. Bukowski, setzen, sechs. Die meisten warteten aufs Leben, wie sie aufs Sterben warteten. Ich nahm mir beides in wechselnden Umarmungen. Das antrainierte Unvermögen, Sex und Liebe zu trennen, hatte ich abgestreift wie das Valentino der letzten Saison. Aperitif. Mein Magen zog sich durch die Vermengung des Gimlet und des Rosé Champagners zusammen. Sodbrennen. Jetzt noch Scharfgewürztes drauf, und ich bin im wahrsten Sinne des Wortes im Arsch. „Also, sag mal…?“ Die Antwort auf meine Frage interessierte mich nicht im Geringsten. Klischeeabendessen? Frauenklischees sind Klischees! Ist eine gleichgestellte Frau überlegen? Sie wollte über mir thronen. Andere Männer sind sich ihrer Männlichkeit unsicher, ich nicht! „Du hast wunderschöne Zähne, ich mag große Brüste nicht so gerne, aber deine Lippen sind toll.“ Dann führte ich mein Glas zum Mund, sah unzählige Spuren meiner Finger am oberen Rand, schob es ein wenig aus ihrem Blickfeld, sprach ihre Gegenkomplimente weg, und die letzten Drinks wurden serviert. „Geh mit zu mir, auch wenn wir nichts jemals gemeinsam haben werden!“ Treffer! Endlich der letzte Drink, endlich bei ihm. Er stand vor mir, unschlüssig. Mit meiner Nase fuhr ich sacht von seinem Ohr zu seinem Kinn und zurück. Seine Lippen ersetzten den Geschmack des Vorigen. Flüchtig fragte ich mich, ob sein Geschmack von Dauer sein konnte. Vielleicht. Ich schälte mich aus meiner Kleidung. Stück für Stück legte ich die Fassade ab. Mein Nacktsein – ehrlicher als seine Nacktheit unter den Kleidern. „Du denkst wie ein Mann.“ Unwillkürliches Lächeln entblößte meine Zähne. „Falsch. Ich denke wie eine Frau, die sich nicht davor fürchtet, zu sein, wie sie ist.“ In der Regel war es von da an ein Kinderspiel. Meine Wohnung machte immer Eindruck, sie war in meinem Reich, jetzt Zärtlichkeit vorspielen, Lakenkunststücke und auf zu neuen weiblichen Ufern. Sie praktizierte Sportsex und rammte ihr Becken gnadenlos. Halt! Ich benutzte die aufgesetzte Nummer, doch nur für mein Ego, um mich im Grunde selbst in den Arm zu nehmen! Sie brauchte den Orgasmus! Bin ich hier nur ein Lustobjekt? Stopp! Ist es nicht die Sexualität, das Eindringen lassen, das euch im Nachklang zur Zweisamkeit bewegt? Wie verkommen, albern und befriedigungssüchtig ist diese Frau? Was unterscheidet sie von den anderen? Bitte zurück zu den anderen! Ich wollte sie erlegen, wie Männer das nun mal tun, aber hatte ich mir jemals überlegt, dass das misslingen könnte? Was dann, was zur Hölle jetzt? Abbruch Aktion Anmache? Zu spät! Kopfohnmacht! Ein Sprung im Lack seiner Augen. In der folgenden Dunkelheit erwachte meine Poesie. Keine Reflexion, kein Planen, keine Berechnung, kein Hinarbeiten auf ein Ziel. Einfach nur der Moment. Leidenschaft ist jetzt, und nie danach. Mein Herzklopfen wurde überlagert von einem stärkeren. Das Pochen in meinem Unterleib schwoll an, übertönte den Herzschlag bis ich mein Innerstes nach außen ließ. Ich spreizte mich und stülpte mich um ihn, meine Finger in sein Haar verschlingend. Ein Flackern in seinem Blick. Hatte er es gesehen, das Fischschuppding,hatte es ihm lidlos ins Gesicht gestarrt? Sachte, sachte zwang ich es zurück in seine dunkle Höhle. Nicht jetzt, nicht heute Nacht, nicht mit ihm. Was ist das hier? Sie drehte sich weg, schlief fast auf der Außenkante des Bettes ein und ich fand lange nicht nach Lummerland. Nicht einmal lauwarme Gefühle! War die Frau nicht von Geburt an die Empfängerin und Trägerin der Liebe? Schlafen Frauen mit Männern auch nur noch zur Selbstbewusstseinspolitur? Versage ich als Romantiker in dieser Frauenwelt? Heul doch, du oberflächlicher Heuchler! Eine Strähne fiel ihr, langsam wie eine Feder, auf das ebene Gesicht. Ich fühlte mich wie am Morgen nach einer Schlacht, war zerschlagen mit meinen eigenen Waffen, und wollte mich unter keinen Umständen verlieben. Breiten Sie langsam die Arme aus, lassen Sie los, geben Sie alles preis, Widerstand zwecklos! Graue Helligkeit blinzelte durch die Lamellen. Kurz die Augen geschlossen, dann aufwachen, das Laken zwischen uns kalt, Augen wieder zu. Erstauntes Erwachen in seiner Umarmung. Der gewohnte Abwehrreflex setzte ein, nicht das, nicht jetzt, nicht mit ihm. Ich erwachte vor ihr, beobachtete mit unorthodoxen Glückshormonen im „Bauchkopf“ ihre schlafende Stirn, ihre kleinen Falten, und atmete ihren Atem. Sorglosigkeit eines kleinen Kindes, aufkommender Beschützerinstinkt, ich nahm sie in meine Arme. „Sag mal, spinnst Du?“ „Wieso?“ „Bist du auch so ein Spinner?“ „Denke nicht.“ „Wir hatten eine Abmachung! Jeder für sich! Weiter ausgeschlossen!“ Wer hatte das ausgemacht? Das war ganz und gar nicht meins! Wir schliefen erneut miteinander. Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier und ich verkrampfte innerlich. Mein Trick, an Paul Breitner zu denken, schien zu misslingen. Ich brauchte ein Ablenkungsobjekt! Nein, wieder ein Blick auf unsere sich bewegenden, ineinandergesteckten Genitalien. Nein, sie sollte doch, entgegen der Früheren, auch auf ihre Kosten kommen! Ich öffnete meinen Körper für ihn, mehr nicht. Vielleicht spürte er es, sein Drängen, in mich einzudringen, ungestümer. Nur wer die Sucht nach Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide. Tragisch, dass jede Sehnsucht im Moment der Kapitulation vergeht. Mein Schmerz brach in einem Lachen durch meine Lippen. Ich kam zu früh, sie lachte und ich fühlte mich wie Berlin.
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