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Keine Berechnung: Eine etwas genauere Betrachtung zum Kinofilm „John Rabe“

Man kommt eigentlich nicht mehr mit, wenn es um Meinungsvielfalt und Minderwertigkeitskomplexe geht. Doch manchmal offenbaren sich Schwächen und Gefahren derart eklatant, dass man sich selbst, die eigene Verwunderung und das Gelesene und dabei Gefühlte einer genaueren Betrachtung unterziehen sollte. Auch wenn es zuweilen etwas wirr erscheint. Schnell überkommt einen die Vermutung, Dinge laufen in die falsche Richtung, weg von dem, was wichtig und richtig ist, weg von einer Betrachtungsweise, die es ermöglichen könnte, wenigstens eine Gemeinsamkeit zu entdecken.


Natürlich, in „John Rabe“ von Florian Gallenberger geht um Befindlichkeiten. Es geht um deutsche Geschichte. Um deutsches Kino. Um Nazis und vermeintliche Gutmenschen. Es geht in diesem Film allerdings nicht um einen „guten Nazi“, das wäre eine Frage der Qualität, von Motivation, Gehorsam, Verinnerlichung und Gefolgschaft. Das Bild des „guten Nazis“ war nie eins. In „John Rabe“ geht es vielmehr um eine Geschichte, die erzählt und beschreibt, wie Menschen in Notsituationen Prägung, Verlockung und Gefahrenpotentiale über Bord werfen können und anfangen, so zu handeln, dass es allem Anschein nach eine Situation verbessert, dass es Leben, die nicht unbedingt Teil des eigenen sind, rettet und deren scheinbar moralisches Handeln sich nicht aus den gegeben Umständen erklärt.

Aber stürzen wir uns auf den gegenständlichen Anlass der Verwunderung, einem Artikel bzw. einer Filmkritik aus der Wochenzeitung Freitag vom 01.04. 2009 über den im April bereits angelaufenen Film „John Rabe“, mit Ulrich Tukur, Daniel Brühl und Steve Buscemi in den Hauptrollen: „Traurig ist das deutsche Kino, wenn es von Größe und Glanz träumt und seinen sehnsüchtigen Blick immer nur nach Hollywood richtet. Man kann Hollywood für vieles verachten, aber wenn es sich auf etwas versteht, dann ist es die Produktion von Stars und Effekten, von großen Namen und viel Brimborium. Auch das muss man nicht mögen; armseliger als aller Brass ist aber der Versuch, Hollywood zu imitieren mit geringeren Mitteln.“ Ok, so weit so gut. Doch dem nicht genug, fröhlich wird weiter gewettert: „Florian Gallenbergers Film „John Rabe“ ist ein Lehrbeispiel für die Kümmerlichkeit der scheinbar kühnen Ambitionen vom großen deutschen Kino“. Wer hat diese kühnen Ambitionen formuliert? Sind Filme wie „Keinohrhasen“ und „1 ½ Ritter“ auch Teil dieser kühnen Ambitionen? Oder nur „Der Baader-Meinhoff-Komplex“? Oder „Das Leben der Anderen“, eine Geschichte, die ebenso von Wandlung und moralischer Einsicht eines Deutschen berichtet? Oder die Preussler-Verfilmung „Krabat“, die nicht nur in Deutschland mehr als eine Million Besucher in die Kinos lockte, sondern auch weltweit, von Tokyo bis Novosibirsk, zu sehen war? Ich kann keine kühnen Ambitionen erkennen.

Ich sehe nur ein Zusammenwachsen, ein Austauschen und ein Lernen, die Versuche mit Bildsprache und Sehgewohnheiten zu spielen, um Geschichten erzählen zu können, die ihre Verortung nicht leugnen, diese aber nicht als grundlegend begreifen. Doch ziemlich schnell wird klar, worum es in dieser Filmkritik eigentlich geht: „Das Passepartout für den Film liefert Hollywood: das Drama „Schindlers Liste“. Indem „John Rabe“ an dieses waghalsige Unternehmen (eine Geschichte vom „guten Nazi“, inszeniert von einem Regisseur, der bis dahin vor allem unterhaltsame Filme gedreht hatte) anknüpfen will, lässt er sich von Spielbergs Erfolgsfilm Unbedenklichkeitserklärung und Gewinnerwartung in einem ausstellen: „Schindlers Liste“ war großes (Kinokasse) und gleichzeitig historisch bedeutsames (Schulklassen) Kino – also wird „John Rabe“ das schon auch werden. Zugleich verschafft Gallenbergers Regie jenen deutschen Filmschaffenden Genugtuung, die aus Standortdünkel als falsch empfunden haben, dass ein amerikanischer Jude „deutsche“ Geschichten erzählt – unabhängig davon, dass sich gewisse deutsche Geschichten zu gewissen Zeiten von amerikanischen Juden womöglich unproblematischer erzählen lassen.“ Ist es nicht egal, ob ein Deutscher, ein Jude oder ein Ghanese die Geschichte eines Deutschen verfilmt? Wir sind doch schon viel weiter: „Es ist ein bis ins Detail präziser historischer Film, aber es ist ein Film aus einer Tarantino-Welt“, sagt zum Beispiel Kulissenbauer David Wasco, der bereits das Jack Rabbit’s Slim in „Pulp Fiction“ erbaute, über „Inglorious Basterds“, Tarantinos martialisches Kriegsdrama, das im Sommer in die Kinos kommt.

Doch Tarantino, der stets sein Potential an Coolness ausspielt, um explizite und stilisierte Darstellung von Gewalt zu legitimieren, was man auch als Triumph von Popkultur über die Bewältigungskultur bezeichnen kann, ist ja „etwas anderes“. Das andere Amerika ist böse. Damit hat Tarantino nichts zu tun. Jedoch der Regisseur von „John Rabe“: „Florian Gallenberger bringt in das Projekt „John Rabe“ nun aber nicht nur seine deutsche Herkunft, sondern wiederum in Amerika erworbene Meriten ein, einen 2001 gewonnenen Kurzfilm-Oscar. Die Rechnung: Große deutsche Filme drehen am besten Menschen, die schon einmal erfolgreich in einer Oscar-Verleihung gesessen haben. Akklamatorisch hat jedenfalls der Deutsche Filmpreis, der Ende April verliehen wird, „John Rabe“ in sieben Kategorien nominiert, und schon dieses Gehabe, abgeschaut beim Oscar, ist unendlich peinlich.“ Ich überlege, wie ich in diesen Zusammenhang Florian Henckel von Donnersmarks „Das Leben der Anderen“ und die Rezeption von real-existierendem Sozialismus in Film und Literatur in diesem Text unterbringe, doch soweit muss und darf man an dieser Stelle nicht gehen. Es ist alles viel einfacher: „Denn, und darum geht es auch noch, der Film hält nichts von dem, was sein Drumherum und die Geschichten, die sich darüber erzählen lassen, versprechen. „John Rabe“ ist ein zähes Werk, was wohl auch damit zu tun hat, dass es die 134 Minuten, die es tragen soll, weil großes Kino länger dauern muss als 90 Minuten, nicht trägt: Unentschieden springt die Handlung zwischen den Konfliktherden – der Nazi Rabe gegen den Anti-Nazi-Arzt Wilson (Steve Buscemi); Rabe gegen seine Diabetes; Rabe und die Liebe; die Japaner gegen das Komitee zur Verteidigung von Nanjing. Die Musik ist ärgerlich, weil ihrem Einsatz das Kalkül der Überwältigung anzumerken ist. Ratlos machen die Originalaufnahmen, die in solchem Ausmaß einfügt werden, dass man nicht weiß, ob damit nur Echtheit zertifiziert oder Zeit geschunden werden soll.“ Tatsächlich, die Musik ist, um es etwas geschmeidiger zu formulieren, etwas dick aufgetragen. Doch wäre es auch verwunderlich, wenn ein junger Regisseur einen perfekten Film abliefert. Das kann man nun wirklich nicht erwarten. Und, auch wenn dies nur als subjektiver Eindruck empfunden werden sollte, er ist nicht zäh oder langweilig, wirkt nicht unnötig in die Länge gezogen und der Versuch den Zuschauer mit Hilfe historischer Aufnahmen zu akklimatisieren ist nicht gescheitert. Doch kommen wir zurück zum hier zugrunde liegenden Text und fahren fort: „Und Ulrich Tukurs Spiel lässt Rabe nur mehr sympathisch erscheinen und Seiten, die an der Figur vielleicht auch problematisch sind, verschwinden. Aber das alles stört vermutlich sowieso niemanden – solange Besucherzahlen, Quoten und Auslandsverkäufe stimmen.“ Das klingt nach einer Haltung, die aufgrund von nicht näher bestimmbaren Aversionen dafür sorgt, dass der Blick des Kritikers bzw. dieses Kritikers, nicht mehr funktioniert. Zumindest, was diesen Film angeht, wahrscheinlich jedoch auch, was viele andere Filme angeht, die sich auf ein Thema einlassen, das die deutsche, politisch-korrekte Seele toucht.

Tukur verleiht der Figur John Rabe eine sehr spezielle, eindimensionale Vielschichtigkeit, die phasenweise sogar zu Irritieren im Stande ist. Die Nachvollziehbarkeit von Handlungen ist da nur das kleinste Problem, die Darstellung von Echtheit ein noch viel geringeres. An darstellerischer Qualität mangelt es dem Film nun wirklich nicht. Steve Buscemi treibt seine Figur zuweilen in ein offenes Kammerspiel, ironisch, verzweifelt, gebrochen und wieder auferstanden. Über das Talent von Daniel Brühl muss man sich an dieser Stelle auch nicht weiter auslassen.
Man kann abschließend versuchen, die Motivation, die einer solchen Filmkritik zu Grunde liegt, zu verstehen, doch das Scheitern dieses Unterfangen ist vorprogrammiert. Was soll gesagt werden? Wollen wir großes Kino in Deutschland? Sollen wir es versuchen? Können wir großes Kino machen? Wollen wir jetzt eigene deutsche Stars in Deutschland oder wollen wir sie nicht? Oder haben wir nicht bereits Stars und die in diesem Text beschriebene Befindlichkeit kann und möchte sich einfach nicht damit auseinandersetzen? Ist die Filmwelt nicht bereits so in sich verwachsen, dass man eigentlich nicht mehr von einer ‚deutschen Befindlichkeit’ sprechen kann? Und um welche Ideologie geht es hier denn eigentlich?
Was werden wir alle über den neuen Film von Tarantino schreiben, wenn wir sehen wie Brad Pitt als Ober-Basterd Aldo Rain von seinen Soldaten deutsche Skalps einfordert und Daniel Brühl als Parade-Nazi im Propaganda-Film-im-Film „Stolz der Nation“ den Kirchturm-Sniper mimt? Wird es nicht Zeit, Geschichten genauso richtig einzuordnen wie Geschichte? Oder wo ist das verdammte Problem? „John Rabe“ ist kein ideologischer Film. Bei weitem nicht. Doch wahrscheinlich schreiben auch Filmkritiker für ihr Publikum und liegen dann auch da daneben, wie ein Leser-Kommentar im Netz zeigt: „Geil! Noch ein guter Nazi! Davon gab es ja anscheinend eine ganze Menge. Und man lernt wieder, dass man in jedem noch so beschissenen System nur erst mal möglichst weit nach oben kommen muss, damit man dann, wenn‘s richtig zur Sache geht, auch mal richtig anständig jemandem helfen kann. Denn wer nicht mitmacht, dessen Humanismus ist ja dann aufgrund fehlender Geld- oder Machtmittel für‘n Arsch. Und dann nach dem Film über den guten Nazi bitte ganz schnell noch großes Kino über die vielen deutschen Opfer nachschieben, Vertriebene und so. Damit nicht der falsche Eindruck von Deutschland entsteht. Seltsam eigentlich, dass der Freitag nur darüber weint, dass Hollywoodstandards nicht erreicht werden. Was eigentlich mit diesem Film erreicht werden soll, und welche Ideologie damit bedient wird, das ist wohl herzlich wurscht.“ Dabei hätten wir das doch alle gerne mal gewusst: Was will der Film „John Rabe“ erreichen? Welche Ideologie bedient er? Und überkommt nur mich das Gefühl, dass alles hier zitierte letztendlich nur dazu dient, dem Film oder dem Regisseur etwas zu unterstellen? Klingt das nicht einfach nur nach vermeintlicher politischer Korrektness? Und macht man es sich da mittlerweile nicht zu einfach? Wenn man tatsächlich der Meinung ist, „John Rabe“ würde Geschichte verfälschen oder verharmlosen, ist man einfach noch nicht angekommen.

Lassen wir zum Ende noch mal unseren Kritiker zu Wort kommen, aus einer Antwort bzw. Reaktion auf einen Leserkommentar: „(…) „Schindlers Liste“ ist kein unproblematischer Film, aber damit man die Diskussionen, die da anfangen, über „John Rabe“ führen könnte, müsste „John Rabe“ mehr sein als ein langweiliges, aufgeblasenes Möchtegern-Epos.“ Vielleicht hätte er einfach schreiben sollen, dass ihm der Film nicht gefallen hat. Vielleicht hätte er es auch einfach sein lassen sollen. (JF)

Aus BLANK MAGAZIN, Mai 2009

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