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Sieben Tage – Aus-/Rückblick MBFW, BBB

Anfang Juli ist es wieder soweit, die Branche bittet zum Klassentreffen in Berlin. Und diesmal mit voller Breitseite, denn auch die Bread&Butter ist aus Barcelona heimgekehrt und belebt das ansonsten eher penibel abgeschirmte Gelände des Flughafens Tempelhof. Also Fashion Week galore, samt Premium & Co. Zur Einstimmung blicken wir nun nochmal zurück mit einem Text aus unserer Märzausgabe über die vergangene Fashion-Week und ein paar Bildern der Schauspieler Tom Schilling, Alice Dwyer und Jacob Matschenz, die wir anlässlich einer Sonderausgabe in Kilian Kerners Kollektion „Sekundenflüge“ ablichteten.

Waren sie früher noch den Modemetropolen Mailand, Paris, London und New York vorbehalten, gibt es so-called Modewochen heutzutage fast überall auf der Welt, von Auckland über Kingston, Lahore, Moskau bis nach Seoul, und auch in Berlin treffen sich seit 2007 zweimal im Jahr Modemenschen und Artverwandte zur Mercedes-Benz Fashion Week, um sich auf den in diesem Zeitraum mittlerweile zahlreich angesammelten Veranstaltungen mit- und gegeneinander die Welt zu erklären, sich über die neuesten Trends zu informieren, das schicke Designer-Teil aufzutragen oder einfach nur, um sich zu zeigen, um dabei zu sein.

Natürlich nutzen Branche, Sponsoren und alle, die irgendwie dazu gehören und dazu gehören möchten, die sich Ende Januar bildende Promi- und Pressedichte, um mediale Aufmerksamkeit zu generieren und die Hauptstadt freut sich über das, was sie in den letzten Jahren auszeichnet: Glamour, Shuttle Services, Partys, Drinks und Häppchen. Man wird in diesen Tagen das Gefühl nicht los, dass in Berlin alle fleißig mitmachen und sich ihr Stück vom Mutterkuchen Mode sichern möchten. Mode scheint krisensicher. Nackt rennt man selten herum und Funktionswäsche ist noch nicht so im Kommen, wie sich das manch einer wünscht. Noch ist Mode gesellschaftliches Be- und Verkleiden, Signal setzen und Entsprechungen finden. Aber Fashion ist dann schon etwas mehr – bzw. glaubt etwas mehr zu sein – und so zieht das vermeintlich Attraktive und Schöne, das die schweren Zeiten von Klimawandel, weltweiter Finanzkrise und Politikverdrossenheit vergessen machen soll, regelmäßig die Menschen an. 

Tom Schilling

Die Handballer der Füchse Berlin mutieren auf dem Laufsteg ebenso zu Models wie Jugendliche aus dem Streetwork-Projekt Gangway, neue Magazine werden gelauncht und sogar der „pop- und netzkulturelle“ Radiosender Motor FM……berichtet live von der Modemesse Premium und nennt das „Fashionably Eclectic Sounds For Modern People“. Das klingt alles irgendwie international, doch die Realität sieht anders aus: die Stars unter den Designern heißen Michalsky, Bernhard Willhelm oder Kilian Kerner, auf dem Laufsteg verzaubert die 17-jährige Hamburgerin Toni Garrn sowohl Publikum als auch Designer und Presse, und Jazz-Trompeter Till Brönner, die Pathos-Popper von Polarkreis 18 und die Berliner Band Klez.e spielen live auf Catwalk oder After-Show-Party. Und auch auf dem roten Teppich zeigen heimische Größen wie die Schauspielerin Hannah Herzsprung, dass Mode zwar weitestgehend belanglos ist, in ihren großen Momenten sich jedoch in Entstehung und Verwendung der Kunst nicht verweigert, und durchaus als Mittel zu verstehen sein sollte, Eleganz, Stil, Macht und Anspruch zu zeigen. Nicht alle, die man in diesen Tagen so sieht, scheinen das verinnerlicht zu haben. Das angebliche Wissen um die Macht von Accessoires und der Drang, die eigene Hässlichkeit verbergen zu wollen, führen meistens leider in die völlig falsche Richtung, egal ob Augenschutz, Kopfbedeckung oder Täschchen. Jede Indie-Crowd hat da mehr Stilbewusstsein, wahrscheinlich aus der Not geboren und dem noch unverdorbenen Blick auf den eigenen Körper geschuldet, ohne Zwangsmaß, vielleicht aber mit Bierbauch.

Alice Dwyer

Während man also auf der Mercedes-Benz Fashion Week Veltins-Bier trinkt und bereits etablierte Designer und Brands wie Scherer Gonzales, Lala Berlin und Strenesse ihre neuesten Kollektionen zeigen, sind es bei der Fashion Experience vom Konkurrenten Beck‘s sieben ausgewählte Jung-Designer, die ihre Diplom-Kollektionen präsentieren. Unter ihnen der 29-jährige Michael Sontag, der zudem auch auserkoren war, seine Kollektion beim Designer for Tomorrow Award zu zeigen. Nicht zu Unrecht: Sontag zeigt in seiner Frauenkollektion ein großes Gefühl für freundliche Farben und Formen und lässt der Frau etwas Eigenes, Unwiderstehliches, Weibliches. Gewonnen hat Sontag den Award nicht, doch einer größeren Karriere wird dieser Umstand nicht im Weg stehen. Dafür kann sich jetzt unter anderem die Jung-Designerin Julia Knüpfer, die für ihre größtenteils in Strick gehaltene Kollektion Biobaumwolle verwendet, mit dieser Auszeichnung schmücken. Die 25-Jährige möchte bald ihr eigenes Label gründen, da kann Aufmerksamkeit und Scheinwerferlicht, sowie das Verwenden und Vermarkten ökologisch unbedenklicher Materialen nicht schaden.

Beim schwedischen Textilriesen H&M hat man den umweltbewussten Konsumenten, der versucht, seine Nachfragemacht kritisch einzusetzen, schon länger als Zielgruppe entdeckt und nachdem man zuletzt mit der britischen Fairtrade-Aktivistin Katherin Hamnett erste Erfahrungen mit Social Clothing machte, wurde nun die Presse zur Präsentation der neuen Kollektion aus Organic Cotton in eine kleine Location nach Mitte geladen, geradewegs ins Zentrum der urbanen Hipster-, Fashion- und Werberwelt. Doch trotz aller negativ aufgeladenen Emotionalität kann man dieses Thema nicht schlecht finden. Ein Beschäftigungsfeld für Gewissenskämpfer. Ein Wachstumsmarkt, der sich irgendwann die Frage stellen muss, ob bei einem stabil bleibenden Selbstverständnis und einer immer weiter wachsenden Nachfrage die ideellen Bedürfnisse noch lange befriedigt werden können, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Jakob Matschenz

Auf der Fashion Week sind Anliegen wie Organic Cotton, Fairtrade oder Klimawandel bisher jedoch kein größeres Thema, auch wenn Lac et Mel, das Label des 26-jährigen Gregor Clemens, alle Kleider klimafreundlich CO²-neutral herstellt. Was auch immer das bedeutet. Gehen wir einfach mal davon aus, dass die 2000 Diamanten im Wert von 100.000 Euro, die einem der bodenlangen Kleider des in Berlin ansässigen Clemens ein fantastisches Funkeln verliehen, fair gehandelt wurden. Auch wenn das bei Diamanten wahrscheinlich schwer möglich ist. Diamanten sollen einfach glitzern. Diamanten sind kein Diskurs. 

Geredet wird auf und während der Fashion Week dennoch viel. Es gibt unzählige Partys, Empfänge und Pressetermine. Geheime Partys an geheimen Locations und noch geheimere Events an noch geheimeren Orten. Und während die Macher der zuletzt in Barcelona gastierenden Urban- und Streetwear-Messe Bread&Butter die Rückkehr an die Spree verkünden, sich zur Freude der Stadtverwaltung sogar für den stillgelegten Flughafen Tempelhof als Veranstaltungsort entschieden haben, der deutsche Hollywood-Export Thomas Kretschmann im Hotel de Rome eine 298 Euro teure Jeans präsentiert, die mit Stickereien verziert wurde, die in Muster und Verortung einer Tätowierung des Schauspielers entsprechen und so mancher Semiprominenter versucht, durch Omnipräsenz seinen Marktwert zu steigern oder sich zumindest in der Promikategorisierung alphabetisch dem Anfang zu nähern, nehmen Tennislegende Boris Becker und Begleitung Lilly die Woche zum Anlass, ihre Liebe in aller rationalisierter medialer Öffentlichkeit zu demonstrieren. Hier wird händchenhaltend Gesellschafts- und Medienpolitik gestaltet, zumindest ist das der Versuch, denn dieser Endlosschleife wird Becker wohl nicht mehr entkommen können. Wahrscheinlich möchte die Gesellschaftsikone Becker auch die tiefe Verbundenheit zum großen schwäbischen Automobil-Konzern zeigen, der zufälligerweise zeitgleich die 100-jährige Firmenpräsenz in Berlin feiert und es sich nicht nehmen lässt, dem extrovertierten Daimler-Chef Zetsche zur Enthüllung der neuen E-Klasse das deutsche Top-Model Julia Stegner zur Seite zu stellen. Mit Mode hat das natürlich nur noch bedingt zu tun. Das sind einfach nur durchkomponierte Wohlfühlmomente, die sich die Automobilindustrie leistet, um sich in Zeiten von herbeizitierter Wirtschafts- und Finanzkrise und dem immer größer werdenden Bewusstsein, dass dem Herzstück deutscher Wirtschaft radikale Veränderungen und noch härtere Zeiten bevorstehen, für die Zukunft Mut zu machen. Und die Zukunft lässt nicht lange auf sich warten: Im Sommer trifft man sich wieder, wohl ganz egal, wie die Sterne stehen.

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