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Zu Fuß von Berlin nach Usedom ans Meer
Juli 14, 2009, 11:13 am
Filed under: Reisen, vor ort | Schlagwörter: , , ,

Schneller als mein Schatten

Montag Morgen. Im Büro des Blank Magazins herrscht die Schläfrigkeit nach einem mit Drogen durchfeierten Wochenendes. Im Innenhof spielt eine leichte Brise mit den Blättern der Akazie. Außerhalb des Büros ist absoluter Sommer, im Inneren Neonlicht und Elektrosmog. Keine Frage, ich muss raus hier, ans Licht, das Abenteuer ist anderswo.

I don`t want to be buried in a...

Unter dem Vorwand eine Schachtel Kippen zu holen, steige ich in die Atombunkeranlagen des Blank Magazins hinab, fülle den Eastpack Rucksack mit diversen überlebenswichtigen Reiseutensilien und robbe dann unbeobachtet unter dem Tisch zwischen dem träumenden Chefredakteur und der Grafikerin, die ihrer Namensvetterin Romy (Schneider) an Attraktivität in nichts nachsteht, hinaus an die Freiheit. Natürlich will ich ans Meer, der absolute Quell meiner Sehnsucht, habe aber kein Geld -Reiseredakteure sind schließlich keine Manager der Deutschen Bank- und muss deshalb laufen. Wie weit es zur Ostsee ist, keine Ahnung, viel zu spät erinnere ich mich daran, dass ich das Garmin Outdoor GPS in der Seitentasche des Rucksacks verstaut habe. Aber ein Durchblick zerstört sowieso jegliche Spontaneität und den habe ich noch nie besessen.

Der Tod ist berall

Nicht verpassen

Kaum den grauen Plattenbauschluchten der Vororte von Berlin entkommen, beginnt der undurchdringliche Dschungel, wie man ihn eigentlich entlang des Äquators in Südamerika kennt. Mit der versilberten Klinge (Werwölfe gibt es schließlich überall) meines Herbertz Taschenmessers bahne ich mir wie mit einer Machete einen Pfad durch die grüne Hölle. Treffe ich dabei nach Stunden absoluter Einsamkeit auf Eingeborene, frage ich nach Proviant, erhalte aber immer dieselbe Antwort: „En Bäcker? Jibts hier nich mehr. Aber übermorjen kiemt en Bäckerfahrzeuch vorbee.“
Natürlich will ich keine Tage in einem von fast allen und allem verlassenen Indianerdorf vergeuden, in dem es nur zweimal die Woche frische Schrippen gibt, geschweige denn eine geöffnete Kneipe, rücke deshalb meinen Camel Active Tropenhelm tiefer ins Gesicht und schleppe mich weiter voran in die gefühlte Richtung Meer.

Fog, Nebel des Morgengrauens (Teil 2)

Goldfischteich vom Arbeitslosenverband

Die Tage ziehen in das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und die Moskitos zerstechen meine Arme, Beine und machen selbst vor meinem Penis beim Stuhlgang im Dschungel nicht halt. Ich schlucke mehrere Katadyn Micropur Forte Wasserreinigungstabletten, in der Hoffnung, sie wirken wie Malarone gegen die Malaria. Meine Klamotten stinken nun wie eine Rotte Wildschweine aus der Uckermark, nur die Icebreaker Socken halten das was sie versprechen und riechen auch nach Tagen nicht. Sehr schön, aber leider kann man sie aus diesem Grund nicht als Abwehr gegen durchtrainierte Kannibalen verwenden, die kurzrasierte Haare haben, Polohemden tragen, Blut aus Bierflaschen trinken, an Tankstellen abhängen und laut Endstufe hören.

Da hilft nur noch beten!

Erleuchtung

Mein Wasservorrat aus der Saskiaquelle ist seit Tagen aufgebraucht und die Travelcocktails in Pulverform habe ich längst schon vor den Toren der Hauptstadt in Vodka aufgelöst und getrunken, als ich dem Verdursten nahe im Dschungeldorf Glambeck tatsächlich auf Leben treffe. Hier haben ein paar Mädchen und Jungs mit Predator Dreadlocks der konsumierenden Zivilisation abgeschworen und sich zwischen Mammutbäumen ihr eigenes Opernhaus errichtet. Selbstlos füllen sie meine Wasserflasche auf, versorgen mich mit Biokarotten und Wachteleier und lassen mich auf dem Dachboden im Heu nächtigen. Zum Dank teile ich beim gemeinsamen Abendessen mein Reiter Travellunch und das Adventurefood, das sowohl Frau, Mann, Kind, Hund und Hase mundet. Wie es den Pferden schmeckt weiß ich nicht, die können schließlich nicht reden.

Kriegsgr„berst„tte Bernau

Hotel Ford Autohaus

Rastplatz am Amazonas

Schweren Herzens sage ich Lebewohl, ziehe von dannen, trete aber keine drei Stunden später mit meinem rechten Fuß in eine Bärenfalle B 109, Klackkrrrr macht es. Da ich das Eisen nicht auseinander bekomme, schalte ich das grelle Warnlicht meiner Petzl Tikka Plus Stirnlampe an, blinkblink, binde mir mit dem Gummizug aus der Kapuze meines absolut gemütlichen und empfehlenswerten Northface Schlafsacks die Aorta oberhalb des Knies ab, desinfiziere die Klinge des Taschenmessers in der bläulichen Flamme des Esbit Spirituskochers und amputiere selbst den Fuß. Danach krieche ich von endlosen Qualen gezeichnet wie in Trance auf allen Dreien weiter, dabei ziehe ich eine blutige Spur nach. Weiter, weiter, immer weiter, das Meer ist nicht mehr fern, ich kann es förmlich riechen und die ersten Möwen spielen schon mit dem starken Wind, schlucken wie der Art Director vom Blank Magazin Vitaminbrausetabletten und explodieren.

Stettiner Haff

Abschlussfeier

Nach gefühlten Jahren setzt mich ein Fährmann in schwarzer Robe über den Stettiner Hades und ich erreiche tatsächlich die Insel Usedom und somit den Pazifik. Einheimische und Überlebende der Titanic reiten auf Strandkörben die ein Zentimeter hohen Wellen ab und die dicken Girls tragen Kokosnusstops und Bambusröckchen und tanzen Hula um Palmen. Vor lauter Glück springe ich nackt in die Fluten, hieve mich auf ein marodes Hausboot und mache es mir mit mehreren Flaschen Sternburger Export bequem. Langsam treibe ich die Fluten hinunter, an Ahlbeck und Heringsdorf vorbei, und als ein Tropenregen einsetzt und die Nacht kommt, bemerke ich, dass der Quell meiner Sehnsucht nicht das Meer ist, sondern… Ich will nach Timbuktu, Mali in Afrika ist mein Magnet. Scheiß auf das Meer!Ohne Worte

Aufgrund dieser Erkenntnis und zum Gedenken an die Olympischen Spiele in Atlanta spanne ich mir früh am nächsten Morgen Raketen an den Rucksack und fliege zurück ins Blank Büro. Meine Kollegen sind freudig erregt und nehmen mich in den Arm, als wäre ich der längst tot geglaubte Sohn, der aus dem Krieg heimkehrt. Ich setze mich an meinen Platz, schalte den Computer an, steche meine Blasen auf und beobachte die leichte Brise in den Blättern der Akazie. Vielleicht sollte ich mal eine Schachtel Kippen holen gehen.

Auf der Stettiner Hades F„hreAm Ziel aller Tr„umeSonnenaufgang

Text & Bilder: Boris Guschlbauer
Twitter-Protokoll: hier

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6 Kommentare so far
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yeah, go boris go!love it!

Kommentar von the fresh prince of bel rin

Hi Boris, total geile Fotos. Glückwunsch zur gelungenen Story. Und by the way, ein Bart wie er sich für einen echten Reiseprofi gehört…

Mit besten Wünschen aus Stuttgart
Stefan

Kommentar von Stefan Kalbers

Die Story ist ein Genuss – wie auch das Twitter-Tagebuch und die Fotos! Gefällt mir gut.

Kommentar von Sercan

Hi Boris,

🙂 Super. Immer mal wieder schön, was von Dir zu lesen…Wie lange hast Du denn gebraucht? Grüße aus Stuttgart. Gibts denn neue Metalgeschichten? Muss gleich mal auf den Blog schauen…

Kommentar von Jay

Hi Bruderherz,
kurzweilig und hochinteressant. So kommt’s nun also raus. Seit wann rauchst Du bzw. seit wann kaufst Du Dir denn Schachteln voll Kippen? Bin entsetzt!

Kommentar von Jette

Liebe Schwester!
„Ich gehe eine Schachtel Kippen holen“ ist ein Synonym für kurz auf die Straße zu gehen und nie wieder zu kommen. Das ist alles! Also, mach Dir keine Sorgen, mit meinen Lungenflügeln kann ich bis zum Mond und weiter fliegen.

Kommentar von Boris




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