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So erfreulich traurig: “Der Räuber” von Benjamin Heisenberg
Februar 17, 2010, 1:01 pm
Filed under: Film/TV/YouTube und Co. | Schlagwörter: , ,

Morgens um 9 vor einem Kino zu stehen und in der Kälte zu warten, bis die Türen aufgehen- Nach 4 Stunden Schlaf fragt man sich schon, was man da eigentlich macht. Alltag während der Berlinale, wie die Menge an Leuten beweist, die mit mir wartet und drängelt. “Der Film sollte jetzt aber besser gut sein” denke ich mir etwas muffig und mache es mir bequem auf einem der unbequemen Stühle des Friedrichstadtpalasts, die bald schon alle besetzt sind. Und es geht auch schon los, “Der Räuber” fängt an und erzählt die wahre Geschichte von Johannes Rettenberger, einem Marathonläufer, dessen Lieblingsbeschäftigung Banküberfälle sind.

Ruhig und still wie Rettenberger selbst(hervorragend dargestellt von Andreas Lust) verläuft der Film, Bilder von unspektakulären Kulissen vermitteln Realismus, selten bricht die Kamera aus der Statik in das Dokumentarische oder in Point- Of- Views aus.  Nur einmal nimmt der Film an Tempo zu, wenn Rettenberger seine Marathonqualitäten auf der Flucht vor der Polizei unter Beweis stellt. Es macht Freude, die beeindruckend ausgeführten Stunts anzuschauen, die (wie letztlich der gesamte Film) so angenehm unprätentiös bleiben. Nur am Ende der Flucht, wenn Rettenberger zu pumpenden Tönen durch den Wald rennt, habe ich mich ein bisschen an eine Nike- Werbung erinnert gefühlt und, schmunzelnd und nur ganz kurz, an Ribéry denken müssen. Auch der Glaube an die “wahre Geschichte” wird nur selten strapaziert, etwa wenn das Verdecken seines Gesichts mit der eigenen Hand Rettenberger davor bewahrt, im Auto von langsam vorbeifahrenden, suchenden Polizisten erkannt zu werden.

Das Streben und meist auch das Erlangen von Perfektion in allen Abteilungen fesselt den Zuschauer von Anfang bis zum Ende an den Protagonisten, der ansonsten eben gerade nicht fesselnd ist. Gefühlsarm und unfähig zu normalem Leben scheinen das Laufen und die Banküberfälle eine Nische für ihn zu sein, in die ihn wohl ein Baufehler in seinem Synapsenfeld geleitet hat. Unverständlich für normal Denkende helfen weder Ruhm und Preisgeld seiner Siege noch die ihm entgegengebrachte Liebe seiner “Freundin”(ganz wundervoll gespielt von Franziska Weisz), ihn in einem geregelten, legalen Leben zu halten. Dieser Mensch ist getrieben, er kann nicht anders als zu Laufen- Marathon zu laufen, davonzulaufen vor der Polizei, davonzulaufen vor seinen Dämonen. So steigert sich die Tragik seiner Person stetig und hinterlässt bei mir schlussendlich faszinierend starke Trauer und Mitgefühl für Rettenberger, dessen Seele so verloren und dessen Schicksal wohl unweigerlich war. Mit diesen Gefühlen gehe ich nach Hause, schneller als normal laufe ich durch die Straßen und ertappe mich dabei, wie ich mich nach meinen Verfolgern umblicke. Ich bin erleichtert, dass es diese nicht gibt. Ich freue mich, dass mein Gehirn die Fähigkeit zur sozialen Interaktion produziert hat. Ich freue mich, dass ich an diesem Morgen ins Kino gegangen bin. Diesen Film sollte man unbedingt gesehen haben. Vielen Dank, Benjamin Heisenberg! (Kaspar Lerch)

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