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Live-Review: Musée Mécanique
März 3, 2010, 3:57 pm
Filed under: Musik, vor ort | Schlagwörter: ,

Das Café Zapata ist eine der kleinsten Live-Locations der deutschen Hauptstadt. Ein Ort, an dem junge Bands in beinahe familiärer Atmosphäre für ihre meist noch überschaubare Anhängerschaft spielen. Und sie im besten Falle, so wie gestern bei Musée Mécanique geschehen, davon überzeugen, dass sie großartige Musiker und demnach auch für große Bühnen bestimmt sind.

Es ist dunkel und eng im Zapata, im gewölbeartigen Raum scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Passt also wunderbar zu den nostalgischen Folk-Klängen von Musée Mécanique. Das Publikum von vielleicht sechzig Personen schart sich um schwere Holztische, lehnt an der Bar – oder, ganz rührend – sitzt fünf Zentimeter vorm Bühnenrand am Boden. Die Atmosphäre ist angenehm unaufgeregt, und auch die Dichte des „Ich hör’ Indie-Rock“-Prototypen ist erstaunlich gering. Perfekte Ausgangsvoraussetzungen für einen entspannten Konzertabend.

Die Bühne erreicht keinesfalls eine zweistellige Quadratmeterzahl, trotzdem hat es die Band geschafft, ihre dutzenden Instrumente darauf unterzubringen. Neben einer Säge lassen sich eine Harmonika, Synthies, Keyboards, ein Akkordeon, eine Mundharmonika, Rasseln, Xylophone, ein zweigeteiltes Schlagzeug  und, natürlich, eine Gitarre erkennen.

Normalerweise sind Musée Mécanique zu fünft. Im Zapata ist man ausnahmsweise zu dritt. Und büßt keinerlei Qualität ein, im Gegenteil. Es ist faszinierend, wie gut die drei Herren aus Portland, Oregon miteinander harmonieren, sie kommunizieren ohne sich anzusehen, man könnte von einer symbiotischen Arbeitsweise sprechen.

Andächtig neigen sich Köpfe man sich zu den melancholischen Klängen und Herzen schmiegen sich an die warmen und weichen Stimmen von Sean Ogilvie und Micah Rabwin. Der Sound erinnert wahlweise an Cat Stevens, Simon & Garfunkel, Patrick Watson, The Tigerlillies oder Seabear.

Die Augen der am Bühnenrand niedergelassenen Mädels spiegeln sich in der Bassdrum und hängen an Brian Perez, dem zugegebenermaßen ziemlich gut aussehenden Mann am Keyboard.

Mit geschlossenen Augen haucht dabei Micah Rabwin „Sleeping In Our Clothes“ in den Raum, und spielt dazu die Säge. Bei „Nothing Glorious“ übernimmt dann Sean Ogilvie den Gesang und macht seine Sache nicht weniger gut.

Vorher werden wird das Publikum aber noch mit Komplimenten überhäuft, nicht nur wir wären sehr nett, auch Berlin feels „Like Home“, weil es ihrer Heimatstadt Portland so ähnlich sei.

Erst spät kommt zum ersten Mal das halbierte Schlagzeug zum Einsatz, ein faszinierendes Beispiel für die tiefe musikalische Verbundenheit der beiden Masterminds Rabwin und Ogilvie: einer gibt mit der Bassdrum den Beat vor, der andere bedient die Snare. Dabei scheinen beide gleichzeitig hochkonzentriert und tief entspannt zu sein.

Vorletzter Song ist „Southern Road“, als einziges heute präsentiertes Stück nicht auf dem Album enthalten und stilmäßig ein ziemliches Stück entfernt von Musée Mécaniques’ Weirdo-Cabaret-Folk. Hier sinkt zum ersten und letzten Mal das Qualitätslevel des Konzerterlebnisses nach unten ab, dieser Verlust amortisiert sich aber, nachdem die Band den letzten Song anspielt: „Like Home“, die zarte, zerbrechliche Single des Albums.

Auf dem Album mag der Song noch zerbrechlich wirken, live hat die Band ihm eine völlig andere Ausstrahlung verpasst – energetisch, schiebend, unerwartet stark ist „Like Home“ jetzt. Überraschend, aber wohl durchdacht, wenn man bedenkt, dass dies der letzte Song gewesen sein soll. Sonst hätte dem plötzlich wieder in die nachtkalte Stadt geworfenen Konzertbesucher wohl ein Kulturschock gedroht. Polizeisirenen statt Glockenspiele und Musik aus dem Handy statt singender Säge: nach einem Musée Mécanique-Konzert ist einem das „Da draußen“ erst einmal zu viel. Vorbeugend sollte man ein Musikabspielgerät mit sich führen, welches in Kombination mit Kopfhörern und dem „Hold This Ghost“-Album auf dem Nachhauseweg zum Einsatz kommt. Zuviel bekommt man von dieser großartigen Band garantiert nicht. (TM)

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