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Etwas sollte ich vorausschicken: Ich war ernsthaft erstaunt und zugleich tief erschüttert, als mir tatsächlich bewusst wurde, dass mit Kathryn Bigelow zum ersten Male in der 82-jährigen Geschichte der Awards eine Frau den Oscar in der Kategorie ‚Beste Regie’ entgegennehmen durfte. Und nun noch ein paar zusätzliche Gedanken zur Oscar-Nacht 2010, zu Amerika und zu Christoph Waltzs erotischem Verhältnis zum Oscar.

Schaut man sich Jeff Bridges in seiner Oscar-gekrönten Rolle des Countrysinger- und Songwriters Bad Blake in „Crazy Heart “ an, fällt es schwer sich da den gealterten Thees Uhlmann oder einen Gunter Gabriel vorzustellen. Nicht in Deutschland. Nicht im Herzen Europas. Irgendetwas fehlt. Es ist unter anderem die vereinheitlichte, vereinigende und Schutz bietende und zugleich Distanz schaffende Weite die fehlt. Uns Europäern fehlt dieses grundlegende Verständnis einer Nation, die zum Schutz der Errungenschaft einer eigenen, der neuen Welt, sich auch auf dem restlichen Globus massiv engagiert und Einfluss versucht zu nehmen.

Das Land erstreckt sich in einer schier unendlichen Weite, vom Pazifik zum Atlantik. Mühsam haben sich die Menschen das Land erschlossen. Die Indianer auf ihre ursprüngliche Art und Weise, der Europäer und zuletzt die Afro-Amerikaner auf die ihre. Das sich ständige Integrieren von Kulturen, Bewegungen und Minderheiten jeglicher Couleur, sei es noch so langwierig, ist ein ständiger Bestandteil dieser Aufarbeitungs- und Revitalisierungskultur. Bis heute dauert dieser Form- und Einheit gebende Prozess an. Einer der wesentlichen Grundpfeiler im Verständnis Nordamerikas. Hat man das einmal verstanden, versteht man auch die Versuchung zu Glauben, die als Gemeinschaft getroffenen und mühsam gefällten Entscheidungen könnten als repräsentativ erachtet werden. Zudem der Mikrokosmos natürlicher Gewalten: Schneebedeckte Berge, lang gezogene Küsten, schroffe Wälder, Palmen, Wüste, Sümpfe. Es gibt alles. Und ebenso vielfältig und bunt sind die Menschen, die sich in diesem Land zusammengefunden haben und ebenso vielfältig ihre Art zu leben.

In „Crazy Heart“ lässt sich dieses Verständnis vom sich bietenden Schutz dieser Weite und dem damit verbundenen Schmerz erahnen. Der Film gewährt einen Einblick in diesen Teil der amerikanischen Seele, des zwischen dem Verwalten Sicherheit-vermittelnder Tradition und dem Wandel der Zeiten verhaftete Menschen, der versucht sich in einem fortwährenden Prozess die Illusion einer Zeitblase zu bewahren, um ein eigenes Verständnis der Moderne zu entwickeln und sich somit existent fühlen kann.

Natürlich ist „Crazy Heart“ auch ein wunderschöner Film über das Alter, über die Liebe, über Freundschaften und Enttäuschungen und über Musik, wie sie entsteht, wie sie lebt und leidet. Das alles mit wunderbaren Schauspielern und tollen, anrührigen Songs.

Ansonsten ging es bei den Oscars wie in jedem Jahr um Krieg, Science-Fiction, Außenseiter und Nazis. Zu Letzterem könnte man noch anmerken, dass nie zuvor ein Film dieser Größe so demonstrativ zwischen Nazis und Deutschen unterschieden hat wie Tarantinos Nazi-Groteske „Inglorious Basterds“. Eine Versöhnungsversuch der ganz eigenen Art, aber angekommen.

Zu guter Letzt, um mich des Themas zu entledigen, google ich noch einmal den Begriff ‚Oscars’, eine schlechte Gewohnheit von mir. Der erste Suchtreffer lässt mich wissen, dass Christoph Waltz in der Talk-Show von Jay Leno das Erhalten seines Oscars mit Sex vergleicht. Na gut! Dass Österreicher in Hollywood gut ankommen ist ja bekannt. Aber falls die Rolle des eloquenten, weltgewandten, narzisstischen und perversen Judenjägers Hans Landa die Rolle seines Lebens’ war, dann könnte sich eventuell herausstellen, dass der Schauspieler Waltz sein Spiel nur in kleinen Nuancen zu variieren versteht. Damit sind natürlich nicht die Untiefen gemeint, in denen sich Schauspieler wie Keanu Reeves und Steven Segal tummeln, man kann das auch mögen und es erfüllt hervorragend seinen Zweck. Vielleicht hat man als Schauspieler auch alles richtig gemacht, wenn man sich mit Rollen wie „Tag der Abrechnung – Der Amokläufer von Euskirchen“ und „Der Postkartenmörder“ in einen Tarantino-Film spielt und dann noch in einer Art und Weise brilliert, dass man glauben könnte, zwischen Rolle und Schauspieler besteht eine Seelenverwandtschaft. So zu besetzen gelingt nur selten und ist das eigentliche Moment der Verblüffung in „Inglorious Basterds“.

Was Christoph Waltz schauspielerisch tatsächlich im Stande ist zu leisten, wird sich also noch herausstellen. Glaubt man den wild kursierenden Meldungen über neue Rollenangebote in Filmen von und an der Seite mit, dann werden sich sicher noch Gelegenheiten bieten das zu zeigen. (EB)

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