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Robert, erzähl doch mal! – The History Of Gary

Mit zehnjähriger Bandgeschichte im Rücken veröffentlichen Gary im Mai ihr neues, von Tobias Siebert produziertes Album „One Last Hurrah For The Lost Beards Of Pompeji“. Ich höre die Songs zum ersten Mal Ende Oktober vergangenen Jahres im Berliner Laub & Frey, als Tobias Siebert die ungemasterten Aufnahmen einlegen lässt. Es dauert nicht lange, ein paar Takte, der erste Chorus, und ich fühle mich mit einem Schlag zuhause. Ich werte das als gutes Zeichen und lasse mich an diesem Abend etwas gehen. Ein Abend unter Freunden mit ein zwei Flaschen Wein und den richtigen Themen. Nachdem die CD das dritte Mal durchgelaufen ist, habe ich das Gefühl, als hätte ich heute Abend noch einen weiteren alten Freund wieder getroffen. Die Assoziationen fliegen nur so durch den Raum und meinen Kopf. Es sind Songs und Orte, Begegnungen und Momente auf Tour oder Bühne, im Bus oder im Kerosine in Augsburg oder in der Luna Bar in Münster. Zusammen ergibt das alles bei weitem kein Bild, aber zumindest ein Gefühl. Dann sollten noch mal fast fünf Monate vergehen, bis Robert mich fragt, ob ich einen Info-Text zum neuen Release beisteuern könnte, denn irgendwie würde er da ‚feststecken’. Nach kurzen Erläuterungen verstehe ich das Dilemma und erkläre mich gerne bereit. Um mir einen Überblick zu verschaffen, bitte ich ihn, mir mal so im Schnelldurchlauf die vergangen zehn Jahre Gary abzureissen. Die Highlights. Das Geld.  Die Hits. Den Ruhm. Also Robert, erzähl doch mal!

„Erstes Konzert im Pudel. Sterne, Tocotronic und der Rest der Hamburger Schule sind anwesend. Dazu alle Majors. Katastrophales Konzert. Rasmus behauptet bis heute, er hätte Angina Pektoris gehabt. Trotzdem machen uns danach mehrere Majors Angebote. Alles, weil ich auf dem Cover vom Jetzt! war und mit „Tocotronic, Huah, Teenage Fanclub und die Lemonheads sind die besten Bands der Welt“ zitiert wurde. Wir entscheiden uns für Zomba und wollen unbedingt auf das Sublabel JIVE, weil da auch die Backstreet Boys, R. Kelly und Britney Spears veröffentlichen. Den Witz versteht leider niemand.

Aufnahme erster E.P. bei Kurt Ebelhäuser von Blackmail. Veröffentlichung im Frühjahr, Thees Uhlmann schreibt unser Bandinfo. Die Spex bringt zwei Seiten, die Visions hasst uns. Das erste Video macht DJ Mad von den Beginnern. Ziemlicher Kinderquatsch, auch wenn Kinderquatsch selten 60.000 Mark kostet. Es folgt eine ausgedehnte Radio-Promotour. Wir landen in den Top 3 der Delta Radio Rockcharts. Nach unserem Besuch dort wird das Lied aus der Playlist gestrichen. Wir spielen „Green Trees“ bei VIVA in halber Geschwindigkeit und als Draufgabe dann noch einen unveröffentlichten Song. Die Plattenfirma ist sauer.
Konzerte bei Rock am Ring und Rock im Park. Wir haben nicht genug Equipment mit und müssen uns die Hälfte bei Tomte leihen. Das Zelt ist sowohl bei Rock im Park als auch bei Rock am Ring brechend voll, weil es regnet. Der Monitormischer zeigt uns einen Vogel, die Leute tanzen Polonaise. Zwei 14-jährige Ordner sagen uns später, wir klängen wie Silverchair. Echt fandens scheiße. Rasmus und ich fliegen bei der After Show Party raus, dafür mag uns Claus Grabke. Auch Slut, Rocko Schamoni und andere trinken sehr gern mit uns. Konzert beim Roll’n’Rock-Festival in Brilon, der Heimatstadt von unserem Manager Thomas Köster. Der Sänger der Emil Bulls will mich verprügeln, weil ich auf einem Autodach stehend laut erkläre, dass sie die beschissenste Band Deutschlands sind. Was Übermut, Alkohol und Adoleszenz alles mit einem anstellen kann. Wir werden gefragt, warum wir mit einem Sprinter und nicht mit einer Limousine fahren. Zu was für Annahmen Menschen sich zuweilen hinreißen lassen ist schon erstaunlich, kommt aber immer wieder vor. Einladung von Daniel Lieberberg zum Smashing Pumpkins-Abschiedskonzert in London. Dort lernen wir durch ihn Chris Holmes, den zweiten Keyboarder der Pumpkins kennen, er soll uns produzieren und will auch. Anfang 2001 geht’s für ne Menge Geld nach Chicago. Chris hat kein richtiges Studio, sondern nur einen Waschkeller und einen Computer mit Pro Tools. Der Anschlag der Fußmaschine der Bassdrum ist um mehrere Sekunden verzögert, trotzdem zwingt Chris Rasmus, 3 Tage lang im Keller zu üben. Kriss Bataille, der ehemalige Schlagzeuger von Urge Overkill, repariert bei uns die Instrumente und sitzt mit einem Lötkolben in der Hand und einer Gitarre auf dem Schoß im Wohnzimmer, wenn wir schlafen gehen und sitzt auch immer noch genauso da, wenn wir aufwachen. Chris Holmes will mich zwingen, Texte umzuschreiben und Melodien zu ändern, wir streiten uns mehr und mehr. Wir dürfen eigentlich das Haus nicht verlassen. Außer, er nimmt uns mit. Zum Karaoke mit den Dandy Warhols, wo ich mir Courtney Taylor Taylor erklärt, dass wir nie Erfolg haben werden, weil ich nicht wie ein Model aussehe. Ich verstehe etwas. Thomas und ich müssen „99 Luftballons“ mehrmals singen. Wir gehen zum Foo Fighters-Konzert und unterhalten uns backstage lange mit Dave Grohl über Nirvana. Die Kinderzimmerphantasie geht in Erfüllung. Er stellt mich auch Melissa auf der Maur vor. Langsam hat das alles mit uns nicht mehr viel mit Wirklichkeit zu tun. Wir fahren mit Kill Hannah nach Milwaukee und übernachten bei den Eltern einer Freundin von einem aus der Band. Eine Party wird von den Bullen gestürmt und wir müssen uns im Büro verstecken, weil wir noch keine 21 sind. Später, zuhause, zeigt uns der Vater seine Shotgun-Sammlung und seine Harley, die er seit 30 Jahren nicht bewegt hat. Wir spielen auf Geige, Blockflöte und Gitarre im Keller „Paradise City“ von Guns´n´Roses. Der Vater fühlt sich veranlasst, uns ‚Germans’ eine Flasche Jägermeister zu spendieren. Kill Hannah sind danach unsere Freunde und wir dürfen in Chicago öfter ausgehen. Die Aufnahmen jedoch sind katastrophal. Chris Holmes spielt teilweise nachts die Instrumente neu ein und kleistert alles mit Synthie-Geigen voll. Nichtsdestotrotz lädt er zum Abschluss in ein Restaurant ein, das sich auf Baby-Tiere spezialisiert hat. Ich esse Alligator. Das halbe Smashing Pumpkins-Camp ist anwesend, Kill Hannah sind auch vollzählig und Chris bittet den Barkeeper, unsere Aufnahmen aufzulegen. Ich versinke vor Scham im Boden. Zurück in Deutschland beschließen wir, die komplette Platte wegzuschmeißen und das Ganze mit Kurt Ebelhäuser noch einmal aufzunehmen. Unser Bassist verlässt uns. Rasmus und ich verbringen den Sommer 2001 im Blu Noise-Studio und schlafen auf den ausgehängten Studiotüren. Duschen gibt’s keine, Kurt schläft zuhause. An einem Wochenende in Hamburg frage ich Kai Gabriel von Blobkanal, ob er bei uns Bass spielen will. Er will. Ich freue mich so, dass ich hintenüber falle und mir eine Gehirnerschütterung hole. Trotzdem machen wir weiter. Dann kommt 9/11, wir machen zwei Tage Pause. Nach drei Wochen sind wir fertig. Platte ist super, Veröffentlichung der ersten Single im Januar. Das Lied heißt „December Son“. Keiner bei der Plattenfirma glaubt uns, dass das keine gute Idee ist. Das Argument ist, Guns’n’Roses haben „November Rain“ auch im September veröffentlicht. Die Single floppt. Das Video verschlingt wieder ne Menge Geld. Unser Vorschuss ist somit ungefähr dreimal aufgebraucht. Das Album kommt im Frühjahr. Wir streichen von der Interviewliste alles außer Tageszeitungen, Spex und Intro. Die Produktmanagerin gibt auf. An den Interviewtagen ist auch Britney Spears im Büro unserer Plattenfirma. Wir rufen solange nach ihr, bis wir rausfliegen. Wir spielen eine lange Tour, unter anderem mit den damals noch sehr unbekannten Biffy Clyro, mit Cooper Temple Clause und Preston School of Industry. Spiral Stairs covered jeden Abend Movie Star. Großes Special in der Intro. Fünf Seiten Gary vs. Echt, Aufhänger: die Niedlichen. Im Sommer interviewen Rasmus und ich für die Intro Guided By Voices in Amsterdam. Wir geben Bob Pollard ein Album. Auf dem Rückweg lernen wir Rudi Carell im Zug kennen. Wir geben auch ihm ein Album. Im Herbst die zweite Tour. Wir beschließen, dass Off Days ungesund sind und spielen 34 Konzerte hintereinander. Keine gute Idee. Im nächsten Jahr fragt uns Bob Pollard, ob wir Guided By Voices supporten wollen. Ich bin gerade in Rumänien, komme einen Tag vorher in Deutschland an. Wir spielen okay, aber die Indie-Nerds hassen uns. Bob liebt uns und sagt: „From now on, i´m your drunk uncle“. Wir lieben Bob. Dann lange nichts. Zomba gehen Pleite, werden von der BMG aufgekauft. Wir betteln uns mehr oder weniger erfolgreich aus dem Vertrag. Ein Jahr später Nightliner-Tour gemeinsam mit Jugendstil durch Österreich, Schweiz und Süddeutschland. Johanna ist unsere neue Bassistin. Wir veröffentlichen eine Split E.P., von der wir sagenhafte 2000 Einheiten verkaufen. Im Herbst Tour mit Tchi und Dir, inkl. E.P. auf dem mittlerweile verschiedenen Label Pavlek Records. Dann immer wieder der Versuch eine neue Platte zu machen. Die Songs wären da, aber irgendwie verläuft alles im Sande. Manchmal hält man fest. Manchmal lässt man los. Ich gründe Escorial Gruen und Siluh Records, Rasmus spielt mit Bierbeben und gründet Herrenmagazin. Ende 2007 Tour mit Electric Soft Parade. Astrid kommt dazu. Auf einmal hört sich alles so an wie ich es mir immer vorgestellt habe. Wir  beginnen Anfang 2008 mit den Aufnahmen zum neuen Album, bei tobias siebert. Es läuft und zwar großartig. Die Sachen klingen wieder als hätte jemand anders sie eingespielt. Chris Holmes hat das gemacht. Bei Tobias Siebert machen wir uns da keine Sorgen. Trotzdem vergehen noch einmal zwei Jahre bis Astrid, Rasmus und ich dann letzte Woche in Wien auf der Bühne einer kleinen Bar sitzen und die Songs das erste Mal vor Publikum spielen. Akustisch. Und verdammt, es funktioniert. Die Nacht wird sehr lang. Rasmus verliert seine Brille. Aber den Rest kannst du dir ja denken. Kannst du damit jetzt was anfangen?“

Ja, ich kann damit was anfangen. Ich habe da auch noch so die eine und andere Erinnerung, die wie Pattex haftet und die ich immer wieder gerne bei Kaffeekränzchen oder Pokerabenden zum Besten gebe. Aber falls sie sich jetzt fragen, was das alles mit der neuen, wundervollen Platte von Gary zu tun hat, kann ich sie beruhigen? Eigentlich rein gar nichts. Wie es in der Musik so unüblich ist, steht diese Platte für sich selbst und für die Erkenntnis, dass es nicht darum geht etwas zu lernen, sondern nur darum etwas zu sein. Und Gary ist eine dieser Bands, die das verstanden haben. Gary ist eine Band.

Live-Dates:

06. Mai Köln, Werkstatt

07. Mai Hamburg, Übel & Gefährlich

08. Mai Berlin, Magnet

Die erste Single:

(Text: JF/RS, Fotos: MD)

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2 Kommentare so far
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also hier: http://vinylgalore.wordpress.com/2010/10/19/irgendwo-zwischen-lethargie-und-ubermut/ habe ich gelesen das es wohl live eher bescheiden war. kannst du dazu was sagen oder hast du die band noch nicht live gesehn?

Kommentar von peter

Ist wohl geteilt. Ich denke bei der reduzierten Nummer kommen die Songs stärker durch, das Gefühl und nicht zuletzt dank Astrid auch die Liebe und man spürt mehr, die Wall-Of-Sound, die Gary als kompl. Band auffahren macht alles dicht. Aber das ist wohl Geschmackssache. Roberts bester Auftritt zuletzt war definitiv bei der Hochzeit von Tobias Siebert und Annette Herrmann, Leute die anwesend waren, wissen was ich meine.

Kommentar von faceyourmagazine




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