Faceyourmagazine's Blog


Taktische Medien, Mädchen und Märchen oder Fraeulein Tessa, ich und das Etablieren einer Streitkultur. Letzter Teil der Reihe Liebe 2.0

Meine Freundin bloggt, macht in Community Management und Social Media, spricht auf der re:publica über „Liebe ist für alle da – New Story Telling am Beispiel der Netzgeschichten über Beziehung & Partner“ und schreibt auch regelmäßig und von Anfang an für das BLANK Texte u.a. über die/das NEON, über Weiblichkeit im Wahlkampf oder über den neuen Feminismus. Alles Texte, die für das Selbstverständnis und die innere und äußere Zielrichtung von BLANK sehr wichtig sind. Alles Texte, die gut als Verhandlungsgrundlage funktionieren und an denen man sich reiben kann. Wir beide, also meine Freundin und ich, reiben uns sehr gerne, nicht nur körperlich, auch und speziell an Themen und Texten, an unterschiedlichen Auffassungen, Haltungen, emotionalen Verstrickungen und was man hinter dem vermutet was der andere macht und und noch viel mehr: warum er das macht. Manchmal ist das durchaus mit Schmerzen verbunden, denn es geht oft an die Substanz und kollidiert mit dem alltäglichen gegenseitigen Entgegenbringen und Empfangen von Liebe. Zum Glück sind es andere Menschen, die eine als Seminar getarnte Precht-Show benötigen um mit anderen und speziell ‚Dem‘ Anderen auf Augenhöhe über, mit und in Liebe kommunizieren zu können. Doch das sind anders geartete Stilblüten moderner Verweserei. Meine Freundin und ich machen das unter uns aus. Beim Reiben.

Speziell der Themenkomplex, den man grob als „Netzkultur“ umreißen könnte, erzeugt zuweilen Hitze zwischen uns, regelrechte Flächenbrände sind das, die langsam schwelend sich schnell ausbreiten und dann wild durch unser Wohnzimmer wüten. Ich bin zum Beispiel nicht bei Facebook. Das war zuerst wahrscheinlich Versäumnis, wurde jedoch irgendwann eine bewußte Entscheidung dagegen. Trotzdem werde ich auch in real life mit Facebook und der dort stattfindenden Kommunikation konfrontiert und werde im Freundes- oder Bekanntenkreis, aber auch von unerwarteter Seite, mal auf die ein oder andere, von meiner Freundin bei Facebook gepostete Information angesprochen und, das ist dann der etwas schwerer zu erklärende Teil, irgendwie mag ich das nicht. Genaugenommen finde ich das größtenteils fürchterlich. Warum, das wird in diesem Text hoffentlich das ein oder andere mal hindurchschimmern.

Letztendlich sind es Annahmen, Unvollständig- und Belanglosigkeiten, an denen ich mich stosse. Natürlich entdecke ich hinter kurzen Tweets meiner Freundin auch ganz andere, mich, uns und unsere Beziehung betreffende Horizonte, die kein anderer beim Lesen im Kopf hat und trotzdem spielt Eifersucht eine Rolle, das banale Flirten, der Austausch digitaler Nettigkeiten und das gegenseitigen Vermitteln einer We-Are-One-Mentalität im Kleinen. Ich frage mich zumindest oft, wie meine Freundin, aber auch Freunde und Bekannte ihre Netz-Kontakte klassifizieren, was für ein Wertigkeitssystem sie anwenden und zu welchem Zweck und  mir ist durchaus klar, dass die Pflege von Freundschaften, der Netzwerkgedanke oder die Idee Up2Date zu bleiben für andere schlüssige Erklärungen oder Antworten sind – für mich nun mal nicht. Und was die Eifersucht angeht, tja, da bleibt mir nur die persönliche Entscheidung, mich für das, was meine Freundin bei Facebook, Twitter & Co. kommuniziert, nicht  zu interessieren. Ich nehme doch mal an,  meine Freundin wird mir schon mitteilen, wenn es etwas gibt, was für mich wichtig oder relevant sein könnte. Ich glaube das ist auch meiner Freundin lieber. Für mich ist meine Facebook Nicht-Existenz  keine Frage von Verweigerung, Verschmähung oder Herabwürdigung einer Kommunikations- bzw. Beschäftigungskultur, sondern vielmehr eine Haltungs- oder Mentalitätsfrage. Doch nochmal zurück zu allgemeinen Verständnisfragen: Nazis die bloggen sind Nazis, die ein Format bzw. ein Medium nutzen, um ihr wirres Gedankengut zu teilen oder sich mit anderen zu organisieren. Briefmarkensammler die bloggen sind Briefmarkensammler, die ein Format nutzen, um ihr wirres Gedankengut zu teilen oder sich mit anderen zu organisieren.  Jetzt wird es etwas komplizierter: Blogger die bloggen sind Blogger, die usw. Da fängt mein Unverständnis an. Also weiter im Text: Um das ‚Sich-organisieren‘ von Bloggern und anderen ‚Aktivisten‘ dreht es sich bei Veranstaltungen wie der republica,  bei der in diesem Jahr Programmpunkte auf dem Plan stehen wie z.B. „Kostenloskultur vs. Paid Content“, „Modefotografie auf der Straße“, „Blogs monetarisiern aber wie?“, „Sex and the Internet“, „Netzneutralität: Eine Einführung“, „Das Urheberrecht im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“, „Blog und Blogger-Typologien“ und natürlich unvermeidliche Zeitgeistigkeiten wie eine Twitterlesung mit und wahrscheinlich um Sascha Lobo.

Auffallend ist die Gewichtung von Mode bzw. Fashion (und das nicht bezugnehmend  auf Sascha Lobo) in dieser ‚Szene‘, also nochmal kurz ein paar an vorhergehendes  anschliessende Überlegungen: Fashion-Victims, die bloggen, sind keine Fashion-Victims sondern Fashion- bzw. Modeblogger. Das kann dann auch, wie im Falle von Tavi Gevinson, ein dreizehn-jähriges Mädchen aus der amerikanischen Provinz sein, die sich vornhemlich in hohen Schuhen ablichtet und deren Kommentare mittlerweile auch bei Harper’s Bazarre gefragt sind. Aber jünger, dünner und dümmer ist in dieser Szene ja sowieso allgegenwärtig und die sich stetig wiederholende Pervertierung ästhetischer Normierungsversuche leider ein Dauerzustand. Aber Mode kommt an und spiegelt den momentanen Versuch eine neue Elite zu formulieren sehr gut wieder. So kommt auch der Lead-Award nicht an der Mode vorbei, egal ob am Branchenriesen Vogue oder am erfolgreichen Berliner Fashion-Blog LesMads: zwei junge Damen, die zumindest eine gute Figur machen und dem Blog ein Gesicht geben.  Hier ist die Mode in der ‚Netzgemeinde‘ angekommen, auch wenn sich natürlich Fragen nach Positionierung, Vereinnahmung seitens der Industrie und Kommerzialisierung nicht vermeiden lassen, denn das Objekt der Begierde gibt es in der Regel nunmal leider nicht umsonst und in Goodie-Bags wächst auch kein Gemüse. Auf die Frage, ob die ‚Mode‘ manchmal nicht nervt, antwortet die Modebloggerin Mary Scherpe in einem heute erschienen Kurzinterview in der Welt: „Der Modezirkus nervt einige, ich finde es aber eher belustigend, ihn zu beobachten.“ Doch genau diese Grenze zwischen belustigtem und darüber erhabenem Beobachter-Dasein und mittendrin statt nur dabei ist doch, auch in der ‚Mode‘, eine spannende Frage, die man in erster Linie mal für sich selbst beantworten sollte und muss. Aber auch darüber wird natürlich auf der republica gesprochen.  Ja, die Mode. Was ist mit uns passiert? Wer hat die gemeinsame Schuluniform denn eingeführt? Die Eltern, die Schule oder am Ende gar wir selbst? Es macht die Welt zumindest bunter (an Orten die Generationen zuvor grau angepinselt haben) und uns etwas ruhiger und selbstsicherer. Zur Rebellion langt da bereits eine runde Sonnenbrille. Doch ich entferne mich vom eigentlichen Thema, dem diskrepantischen zwischen meiner Freundin und mir.

Meine Freundin ist öfters auf Veranstaltungen, bei denen ihr Beschäftigs- und Betätigungsfeld, also Social Media im Allgemeinen, Blog-Kultur und Community Management im Speziellen, eine gewichtige Rolle spielen. So z.B. die bereits erwähnte republica und Veranstaltungen wie das Politcamp2010 und mir scheint, als würde sich meine Freundin auch dort in einem durchaus definiertem Gebilde aus vornehmlich Personen, aber auch Institutionen und Meinungsbildern bewegen. Vom Versuch des von Außen betrachtet, stellt sich mir immer weniger die Frage nach Methodik, Anwendung oder der stetigen gegenseitigen Bestätigung, sondern viel mehr nach dem ‚Gemeinsamen‘, dem was eine Gruppe von Leuten, die sich regelmäßig über ‚ihr‘ Medium austauschen, an Haltungen und Absichten ausmacht und ob man dem, ob ich dem trauen kann. Was bedeuten Begriffe wie „Internet-Szene“ und „Netzgemeinde“ bzw. die Intention der Etablierung einer solchen wirklich, wenn z.B. und u.a. die FAZ so selbstverständlich mit Begrifflichkeiten wie diesen umgeht und anlässlich vom Politcamp2010 und der Anwesenheit der jungen CDU-Familienminissterin Kristina Schröder anmerkt, dass ‚ihre Partei, also die CDU, der Internet-Szene inhaltlich nicht nahestehen‘ würde. Das beschreibt sich selbst ja fast schon als Versuch der beidseitigen Einvernahme, eine Power-Allianz zwischen ‚Netzgemeinde‘ und Politik und lässt mich fragen, wo denn diese ‚Internet-Gemeinde‘ eigentlich steht und wo sie hin will. Fakt ist, sie glaubt zu sein und entwickelt Mechanismen der Abwehr von Äussern und der Manifestation des Inneren. Doch was sich im Inneren versteckt lässt sich leider nicht erkennen.

Doch um mitreden zu dürfen, bedarf es der Beteiligung und das ist der mir missfallende Umstand: Der Trugschluß des Zusammenschließens, das Ausblenden anderer Realitäten und der Versuch Meinungshoheit und Kernkompetenz zu definieren. Natürlich ist es verlockend an etwas zu glauben, das dem Bild einer ‚Bewegung‘ nahe kommt. So sind wir Menschen. So ist meine Freundin. So bin ich. Wir alle tragen die Hoffnung nach Erlösung in uns. Die Hoffnung, gemeinsam zu gestalten. Erfüllung. Das ist bei Kirchentagen nicht anders als bei der Love-Parade, bei Barcamps nicht anders als beim Tantra-Workshop, bei der Republica nicht anders als beim Tocotronic-Konzert oder bei einem Treffen der völkischen Jugend. Und sind wir ehrlich, auch wenn es schmerzt, im Berghain scheint dieses Gefühl ebenfalls allgegenwärtig. Meine Freundin und ich haben neulich mal festgestellt, dass wir, seitdem wir uns kennen, nicht mehr im Berghain waren. Weder einzeln, noch gemeinsam. Vielleicht nur ein Zufall. So ganz einig sind wir uns da nicht. Wir schaffen uns trotzdem Orte und Momente der Unordnung, der Verstörung, einzeln und auch gemeinsam. Gemeinsam auf Kongresse oder Zusammenkünfte wie die hier behandelten gehen meine Freundin und ich dagegen nicht. Da finden wir nicht richtig zueinander. Vielleicht weil ich da etwas borniert bin und den alten Mann gebe. Vielleicht aber auch, weil ich die Faszination kenne, die Magie. Da liegt etwas in der Luft. Und es ist nicht der Klimawandel. Und auch kein Glaubensbekenntnis. Aber es ist etwas. Etwas anderes. Es kommt meist schleichend, doch plötzlich hat es dich. Das ist wie eine Sucht, wie Spiele ohne Brot.

Im Jahre 1999 hatte ich das Glück, den in Amsterdam zum dritten Mal stattfindenden Kongress „next 5 minutes“ besuchen zu können. Ich reiste dorthin im Zuge von Schlingensiefs Chance 2000, einem Projekt das mich zumindest ansatzweise und kurzfristig geistig zerrüttet hatte, und sah dem ganzen aktivistischen Treiben eher unaufgeregt entgegen, aber durchaus interessiert.  Schon beim Lautsprecherverlag hatten wir früh angefangen solide im Netz aufzutreten und das Medium für Pressearbeit und Kommunikation zu nutzen. Doch bei Chance 2000 war das Internet, auch als Kontrapunkt zum archaischen, unmittelbaren und aktionistischen Kunstverständnis von Schlingensief und Hegemann, stets präsent und eine wichtige Vorausetzung, ein wichtiges Tool, für die Kommunikation untereinander, das Bereitstellen von Grundsatztexten, Parteiprogrammen, Flyer-, Plakat- und Aufklebervorlagen, amtlichen Vordrucken, um einfacher an die Unterschriften für die Wahlzulassung zu kommen und zum intellektuellen Austausch, damals in Form eines Thinktanks, in dem Kuhlbrodt, Hegemann, Stuckrad-Barre, Goetz, Jelinek und andere Konsorten mal mehr und mal weniger den Austausch suchten. Doch je weiter nach unten sich die Strukturen im Verlaufe des Projekts verzweigten, desto wichtiger wurde das Internet, desto aktivistischer wurde das Treiben. Natürlich war die damit einhergehende Pseudo-Demokratisierung des Projektes dessen gleichzeite Ende, denn es war Kunst und wollte auch als solche wahrgenommen werden. Und Kunst ist nun mal nicht demokratisch.

Um es abzukürzen: In seinen Ausläufern brachte mich Chance 2000 dann hierher, in das ehrwürdige Amsterdamer Paradiso, anlässlich eines Kongresses zum grobschlächtigen Thema „Taktische Medien“. Und da war vielleicht was los! Neu formulierte und alternative Macht- und Lobbyverbände, Vertreter neuer und unabhängiger Kommunikationsformen und zugegebener Maßen eine große Anzahl an Freaks und Interessierten, die sich durch die alles vereinnahmende Popkultur  angesprochen und angezogen fühlten, trafen sich um so etwas wie ‚freie Netzwerkforschung‘ zu betreiben, diese zu emotionalisieren, aufzuspüren und für jeden einzelnen Teilnehmer habhaft zu machen. So die Idee. So mein rückblickendes Gefühl. Die subjektive Emo-Gurke. Ein Hauch von Widerstand war dort in diesen drei Tagen für mich spürbar, ein Anflug von Veränderung. Wir waren jung. Wir hatten Laptops. Und ein paar hatten bereits einen Communicator. Wir verbrachten quasi vierundzwanzig Stunden im Paradiso, zwischen Streaming-Sessions und LSD-Trip, zwischen Vorträgen, Workshops und Projektpräsentationen, vom Menschenrechtsprojekt im Irgendwo, über NGOs und Kunstprojekt bis zur Hacker-Community. Und hey, wir waren in Amsterdam, ein mir damals recht vertrautes Pflaster, stets bereit und Laster everywhere. Und durch eine freundeskreisbedingte Affinität zu Hackern, Crackern und Tradern kam mir diese Mischung aus Weltverbesserung, Tool-Kapazitäten und Nerd-Tum gerade Recht. Hinzu kam damals, ohne auf das in diesem Text unterschwellig mitschwingende Thema ‚Eifersucht‘ wieder näher einzugehen, noch ein genau zu diesem Stadtpunkt staatfindendes Liebes-Chaos.  Ich muss gestehen, dass ich weniger in Amsterdam war, um die damals frisch erschienene Buchdoku über Chance 2000 vorzustellen, sondern mehr um mich den immer und allgegenwärtigen Lebensthemen Selbstfindung und -erfahrung zu widmen. Ich hatte das Gefühl, mich emtional wieder aufladen zu müssen. Um so überraschter war ich, als ich feststellte, dass sich das wunderbar mit diesem Kongress verbinden konnte, denn viele waren so wie ich. Zumindest mehr als woanders. Und das war schon mal was.

Eines meiner persönliche Highlights damals war ein, wie sich später herausstellte, Abschlussvortrag, der, um es grob zu umreißen, zum Thema hatte: Gameboy hacken, vom Quellcode bis zum Cartridge, und ein Spiel coden, in dem man als Player in der Gestalt eines kleinen Mädchens oder eines kleinen Jungen, den Versuchungen von Welt zu widerstehen hatte: dem Dealer, dem Pfarrer und anderen Verschmutzern digitaler Junfräulichkeit. Dieser zweieinhalb stündige Vortrag enthielt alles: die Enstehung von Nintendo, Yakuza und Spielkarten, Maschinen- und Konsolenspiele, technische Anleitungen zum Bespielen von Cartridges mit Spielen, das Anlegen von Online-Datenbanken, die grafische Umsetzung, das Verhandeln mit Toys’r’Us über einen Vertriebsdeal und vieles mehr. Noch heute klebt der verspiegelte Carbon Defense League-Aukleber pattexverhaftet auf meinem Gitarrenkoffer. Ein analoges Artefakt aus der Zeit meiner digitalen Bewußtwerdung. Man kann also durchaus sagen, ich habe eine recht früh gefestigte und emotionale Bindung zu den Möglichkeiten einer, meiner digitalisierten Generation.

Doch auch in dieser Nacht waren es keine Bits und Bytes, die mich nachhaltig beeindrucken sollten, sondern ein Live-Auftritt der Dead Poets NY und anderen Spoken WordArtists anlässlich der Europremiere von Slam, einem Film mit Saul Williams in der Hauptrolle. Ich kann mich noch heute sehr gut an alles erinnern, an die Emotionen, die nur so durch den Saal flogen, an den Schweiß, an die Wut, die Hoffnung und an das Heilsversprechen. Ich hatte nur wenige literarische Erweckungsmomente und in der Regel waren es Zeilen, Absätze, Kapitel und Bücher von Autoren, bei denen einem schnell bewußt wurde, dass sie einen nun eine Weile begleiten werden – in dieser Nacht jedoch war es das gesprochene Wort. Selten haben mich spoken word so berührt. Es hatte funktioniert. Ich fuhr nach Hause, hatte wieder etwas Kraft, hab mich wieder verliebt, Texte geschrieben und den Gedichtband „Sex mit Monika Kruse oder Stell Dir vor es ist Pop und keiner geht hin!“ veröffentlicht. Schrieb E-Mails, war bei Myspace. Hatte ein, zwei Bulletins und Newsletter. Für Netactivism und Netzkultur habe ich mich nicht mehr sonderlich interessiert. Mehr für Texte. und den er sie schreibt, vornehmlich für mich, aber auch für andere. Für Kunst und die, die sie machen und für das Selbermachen. Auch bei der Musik. Es sollte unmittelbar sein. Ohne etwas dazwischen. Keine Verwandlung in digitales Gestöber. Schweiß. Blut. Tränen. Bücher. Platten. Ewig lange Lesetouren, Theater, Ausstellungen, Projekte denen man sich langfristig verschreiben muss und die doch endlich sind. Meine Freundin kennt mich. Sie kennt das Glänzen in meinen Augen. Ich glaube sie mag das an mir und ich glaube manchmal fragt sie sich doch, was das ist und ob sie es auch hat.

Natürlich kann ich mit diesem Text dem nicht gerecht werden, was zwischen mir und meiner Freundin funkt. Es sind so viele Kleinigkeiten, Aversionen, Ängste, das Gefühl irgend jemand besetzt ein Allgemeingut, dass sich gute Gedanken nicht so schnell verbreiten lassen, wie ein guter Tweet, die Facebook-Gruppe zu einer Party, ein witziges Video oder das Bild deines ehemals guten Freundes, wie er über der Kloschüssel hängt und man deutlich erkennt, dass er sich auch schon schön in die Hose geschissen hat. Ich habe das Gefühl, ich bin mißtrauisch und meine Freundin weniger. Ich glaube, es ist falsch so viel von sich zu kommunizieren, dass Aussenstehende daraus ein für sich gültiges Pseudo-Profil von einem erstellen können. Ich habe tatsächlich Angst, dass die Vereinnahmung und Gleichschaltung so weit fortschreitet, dass kein Platz und keine Möglichkeit mehr übrig bleiben, im Falle des Falles zivilen Ungehorsam leisten zu können, keine Chance mehr besteht alternative Strukturen schaffen zu können, die eine  reele Möglichkeit haben, sich einem System auch widersetzen zu können. Die Probleme werden nicht weniger, aber sie zu kommunizieren immer schwieriger und ich mag nicht, wie ernste Themen benutzt werden, um sich an politischer Korrektness abzuarbeiten und sich einer Schnittmenge aus durchschnittlicher Rezipienz anzubiedern, Allen geht es um Reichweite und nicht um Weitsicht. Das liest sich dann oft so, wie zum Beispiel ein Beitrag von Sixtus aus einem ZDF-Blog zum aktuellen Referenzthema ‚Netzsperren‘: „Ist eine Sperr-Infrastruktur erst einmal installiert, werden die Begehrlichkeiten Anderer automatisch geweckt: Lobbysten wie der Tonträger-Mann Dieter Gorny campieren ja quasi schon vor dem Kanzleramt, um dort rechtzeitig an die Tür zu klopfen. Online-Casinos? Untergraben schamlos das Glücksspiel-Monopol der Länder, ab hinter die Sperren damit! Nazi- und Hass-Seiten? Stopp-Schilder davor! Ego-Shooter? Nutzen doch nur potenzielle Amokläufer! Es wird nicht lange dauern und streitfreudige Zeitgenossen werden einzelne Blogs sperren lassen wollen, von denen sie sich – zurecht oder zu unrecht – beleidigt fühlen. Diese Entwicklung ist so vorhersehbar wie zwangsläufig und niemand, der gleichzeitig mit dem Finger auf Iran oder China zeigt, kann sie sich wünschen.“ Ich hoffe, ich stoße auf Verständnis, wenn ich auf die hellseherischen Fähigkeiten des Verfassers und das Ausmass der Verirrungen nicht weiter eingehe, doch dieser Text zeigt sehr deutlich, wie ein Thema, das vermeintlich die eigene Netz-Kompetenz betrifft, benutzt wird, das eigene Ego wild und unkontrolliert zu exponieren. Darauf baut Misstrauen. Deswegen hab ich da ein schlechtes Gefühl. Das ist nicht sauber. Das ist Behauptung. Das ist populistisch. Aber wie heute, zum Start der Republica, Marcus Jauer so schön in der FAZ schreibt: „Die Menge an Information ist nicht das Problem am Internet, solange sie jemand einordnet und bewertet. Lange sah es so aus, als könnten Blogger das übernehmen. Leider beschäftigen sie sich lieber mit sich selbst.“ Das ist in seiner Vieldeutigkeit vielleicht etwas unglücklich formuliert, aber zeigt eigentlich nur, dass Blogger jetzt auch im Mainstream angekommen sind und der CDU inhaltlich nicht unbedingt nahe stehen, aber vielleicht auch nicht unbedingt weit weg. Also, was solls? Ein Haus im Grünen. Das Segelboot. Die Bettpfanne. Der Baseball-Schläger. Das schnöde Geld. Der Weltfrieden. Ein ordentliches Filet vom Rind. Ein Sancerre Rosé. Ein Sonnenuntergang.

Meine Freundin und ich definieren uns zum Glück nicht über das Alltagsgeschäft, sondern über gemeinsame Träume und etwas, das sich genaus so schwer be- und umschreiben läßt, wie vieles, was dazu führte, dass ich diesen Text anfing zu schreiben. Wir werden uns weiterstreiten, über alles und jeden. Ich glaube wir beide schätzen die Möglichkeit seine Meinung frei äußern zu dürfen. Und wir beide mögen die Hitze, wenn wir uns aneinander reiben.

Dieser Text ist eigentlich nur für Dich, Baby! Danke für jetzt fast zwei Jahre Input und Inspiration und viel Spaß bei Deinem Republica-Workshop morgen.

(JF)

Advertisements

2 Kommentare so far
Hinterlasse einen Kommentar

[…] mit sich bringt, wenn sie zehn Jahre jünger ist und sich viel im Internet bewegt und schreibt, und er das manchmal nicht verstehen kann, und wie es dann zu Auseinandersetzungen und die Beziehung aber auch weiterkommt, wenn man drüber […]

Pingback von Große Gefühle als Erklärung für vieles. « Social Media Strategy Lab

[…] internetaffine Menschen ein wenig darüber in die Haare bekommen, das beschreibt Johannes vom BLANK Magazin ausführlich in einem schönen, langen Artikel. Sehr ausführlich. Muss wohl im […]

Pingback von AMY&PINK » Lost in Blogs - Der digitale Rückblick




Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: