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Asche fliegt über unsere Häupter oder auch die Entdeckung der neuen Langsamkeit – Ein kurzer Kommentar von BLANK-Redakteurin Antonia Märzhäuser
April 21, 2010, 8:47 pm
Filed under: HEFT ZWEI | Schlagwörter: ,

Isländer sind geübt, geht es darum sich öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Egal ob Wirtschaftskrise oder Vulkanasche – sie betreiben Agenda Setting par excellence. Mit der Wirtschaftskrise begann der zweifelhafte Ruhm des kleinen Völkchens, dessen Bewohnern man eine besondere Beziehung zu Trollen und Elfen nachsagt. Vielleicht lag darin auch schon der Herd allen Übels. Grün ist der Troll und Grün ist das Geld.

Grün ist bekanntlich auch die Hoffnung. Und so hofften die Isländer geduldig, während der Rest der Welt die kleine Insel im fernen Nordatlantik längst vergessen hatte. Da hat die Welt die Rechnung ohne Eyjafjalla gemacht. Es scheint an dieser Stelle überflüssig zu erwähnen, um wenn es sich hierbei handelt. Selbst die Briten, die sich nicht gerade durch außerordentliches Sprachtalent auszeichnen, müssten den Namen mittlerweile rückwärts buchstabieren können. Keine Schlagzeile, die das Wolken-Wort entbehren kann, kein Kopf der sich nicht ab und zu neugierig Richtung Himmel reckt. Der europäische Durchschnittsbürger wird zum Experten was Sichtflugpraktiken, die Bewegung von Luftschichten und Flugrouten angeht. Luftraum, das Wort scheint allgegenwärtig und der verbrannte Geruch in der Luft kommt zuerst einmal von oben und nicht aus der Küche.

Eyjafjalla hat die Welt ein bisschen leiser gemacht. Der Lärm startender Flugzeuge lässt auf sich warten und selbst unser Herr Außenminister, der die Lautstärkeregler für gewöhnlich bis zum Anschlag oben hat, scheint wie verstummt. Entschleunigung, das ist ein Wort, was nicht Recht zum Zeitgeist passen möchte. In einen Zeitgeist, der unbegrenzte Mobilität, Flexibilität und Information preist und dabei schneller ist, als die Menschen, die ihn formen. Niemals waren wir so unabhängig wie heute, niemals war die Bandbreite der Möglichkeiten so groß und niemals waren wir mit diesen Aussichten so überfordert. Leben in Berlin, arbeiten in London, Freunde besuchen in Australien, das ist Normalität. Normalität funktioniert einfach, sie regt nicht zum Nachdenken an. Erst wenn etwas einmal nicht funktioniert bleibt Zeit für Reflektion. Die Natur hat sich zu Wort gemeldet, vielleicht hat sie sich in den letzten Jahrzehnten schlecht behandelt gefühlt, übel nehmen kann man es ihr nicht.

Entschleunigung, das bedeutet weiß Gott nicht nur Gutes, aber auch nicht nur Schlechtes. Warum steigt in uns die Panik auf, wenn es sich für einen Moment aufhört zu drehen? Können wir noch Stillhalten und die Ruhe genießen? Wenn Stillstand Chaos auslöst und das Rumoren eines Vulkans auf einer kleinen vergessenen Insel, die Welt kurzerhand zum Erliegen bringt, dann ist das beunruhigend und beruhigend zugleich. Wir können schon allerlei, aber allmächtig sind wir nicht.

Musik zum Runterkommen

(AM)

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