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Die Achtziger wollten kalt sein. Die Neunziger waren es. Anflüge von Nostalgie bei neuen Sat1-Serien
April 21, 2010, 5:32 pm
Filed under: Film/TV/YouTube und Co. | Schlagwörter: , , ,

Ich kann mich als 1974 geborener nicht der Tatsache entziehen, dass die neue Sat1-Serie „Der letzte Bulle“ und ihr von Henning Baum dargestellter Protagonist Mick Brisgau mich in gewisser Art und Weise berühren. Nicht, dass ich zwanzig Jahre im Koma gelegen hätte oder gerne ein kerniger Cop gewesen wäre, aber der Kern dieser als Krimi-Reihe angekündigten Serie scheint bisher sowieso weniger die Polizeiarbeit zu sein. Hier geht es vielmehr um Nostalgie und den missing link zum dem, was man volkstümlich oder im Vollrausch immer wieder gerne als die ‚gute alte Zeit’ bezeichnet.

Ich war als Frühpubertierender damit beschäftigt mich zu wehren, gegen die Strukturen, gegen den Leistungssport, gegen den Musikgeschmack meines älteren Bruders. Die Achtziger wollten kalt sein. Die Neunziger waren es. Der Kampf ging also unverdrossen weiter. Und ich glaube zudem, dass die Neunziger nie aufgehört haben. Ich weiß, eine absolute Horrorvorstellung. Doch das Phänomen der schleichenden Erkenntnis ist ja nichts neues. Was in den Neunzigern neu und revolutionär war, hat im darauf folgenden Jahrzehnt einfach nur einen Upgrade verpasst bekommen. Das Zwei-Punkt-Null-System. Gimmicks anstelle von Killer-Apps. Doch zurück zur TV-Kritik.

„Der letzte Bulle“ trifft diesen Zeitgeist ganz gut wieder, in dem Menschen stärker als jemals zuvor das Gefühl haben, sich in immer kürzer werdenden Zyklen von lieb gewonnenen und ritualisierten Gewohnheiten verabschieden zu müssen. Auch hier setzt „Der letzte Bulle“ immer wieder an. Henning Baum gibt den ehrlichen Cop a la Schimanski, der sich mit dem Umstand anfreunden muss, dass Frau und Kind sich nach zwanzig Jahren Koma als Familie schon lange neu definiert haben und der zudem mit einer Welt konfrontiert wird, deren Werte und Regeln sich ein klein wenig verschoben haben. Baum macht das konsequent und authentisch, mit viel Humor und wenig Regung.  Auch Andreas Kringge spielt den unvermeidlichen Sidekick-Kollegen Maximilian Grill in wunderbar verbissener, aber zuweilen machtloser und amüsanter Nonchalance und auch weitere Rollen sind durchaus glücklich besetzt. „Der letzte Bulle“ gehört natürlich nicht in eine Liga mit dem bei Sat1 einst aufgrund nicht zufrieden stellender Quoten nach 2 Folgen ins Mehr-Als-Spät-Programm verfrachteten Vierteiler „Blackout – Die Erinnerung ist tödlich“ oder dem neuen Meisterwerk und Mehrteiler von Dominik Graf „Im Angesicht des Verbrechens“, das dieser Tage auf Arte ausgestrahlt wird, doch das will dieses Polizei- oder Krimiformat auch gar nicht. „Der letzte Bulle“ ist unverkrampfte, komische und emotional fein zurecht-geschnittene und zart-gesponnene TV-Unterhaltung, eigentlich für eine Zielgruppe, deren Verbindung zum Medium Fernsehen, wenn nicht Fußball bedingter, dann fast ausschließlich schon nostalgischer Natur ist.

Im Anschluss an „Der letzte Bulle“ läuft bei Sat1 übrigens noch eine weitere neue Serie, die rund um die durchaus charmante und Lebensfreude vermittelnden Annette Frier in der Rolle der ‚1-Euro-Anwältin“ Danni Lowinski gestrickt wurde. Auch diese Serie ist ambitioniert und angenehm unaufgeregt. Vielleicht ist es nur ein Zufall, aber auch hier stehen weniger die moderne Welt und der postmoderne Alltag im Vordergrund, sondern das Zwischenmenschliche, das Besinnliche, das Romantische und die Widersprüchlichkeit von Wertevermittlung und irgendwie klingt das doch schon wieder ein wenig nostalgisch und wie aus den ‚guten alten Zeiten’. Und vielleicht ist das auch der innere Abgesang auf die Sehgewohnheiten mehrerer Generationen und der Versuch wenigstens daraus noch ein bisschen Kapital zu schlagen. Also dann, willkommen in den Zehner-Jahren. Klingt übrigens auch scheiße.

By the way, das nennt man Qualitäts-Fernsehjournalismus und überbordende Moderation:  Der Stern über „Der letzte Bulle“


(JF)

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