Faceyourmagazine's Blog


Schaumschwester
Mai 25, 2010, 11:41 am
Filed under: Literatur | Schlagwörter: , , , , ,


„Das viel beschworene Drama des Abstiegs, das erbitterte Ringen zwischen Mensch und Maschine – es war ausgeblieben. Die Ablösung vollzog sich im Stillen, im Halbdunkel, fast zärtlich, in den Ehebetten und mit dem vollen Einverständnis des Menschen.“

So endet der Prolog, aus der Posthumanen Chronik von 3011, von Thor Kunkels neuen Roman „Schaumschwester“. Kunkel stützt sich dabei auf die Verklärung einer romantischen Idee, die in Menschen ebenso zu schlummern scheint wie ein ausgemachter Trieb zur Selbstzerstörung. Eingebettet in einer großen, aber nur kurz angerissen Chronik menschlicher Irrtümer kämpft sich der zwielichtige und zweifelnde Agent Kolther durch ein kriminalistisches Kammerspiel, das sich im sonnigen Nizza der Gegenwart abspielt, beschaulich und fast schon gemütsfrei, denn Kunkel geht es weniger darum eine Geschichte zu erzählen, sondern vielmehr darum eine Idee zu präsentieren, die sich von der menschlichen Angst nährt, austausch-, ersetz- oder unsichtbar zu sein bzw. zu werden. Abgesehen davon, dass Thor Kunkel es wie nur wenige andere seiner Generation versteht mit Worten umzugehen und Beschreibungen zu finden, die universelle Schönheit in Details wiederzugeben im Stande sind, ist Thor Kunkel auch ein kluger Kopf, der sich, mittlerweile wahrscheinlich bewusst, abseits vom Markt der literarischen und feuilletonistischen Eitelkeiten inszeniert, gemütlich, distanziert und vielleicht auch etwas erschöpft. In dieser Aufnahme spricht er über sein etwas gestörtes Verhältnis zur ‚deutschen Presse‘, die ihn nach seinem wunderbaren Roman „Endstufe“ schmähte und ins ‚rechte‘ Licht rücken wollte, ein Vorgang, der in Deutschland normal zu sein scheint, wenn Feuilleton und Kulturgesellschaft mit etwas überfordert sind. Bei „Endstufe“ waren alle überfordert und leider auch alle einig in der Meinung, dass man diesem Autor, der mit seinen bis dato veröffentlichten Roman „Das Schwarzlicht-Terrarium“ und „Ein Brief an Hanny Porter“ zwei wuchtige, zeitgeistige und doch zeitlose Meisterwerke abgeliefert hatte, die eigene Ebene historischer Reflexion und Verarbeitung nicht zugestehen möchte. Auch wenn „Schaumschwester“ aufgrund seiner auf das Wesentliche reduzierten Inhaltlichkeit etwas halbherzig wirkt und nicht an frühere Werke wie „Endstufe“ oder „Das Schwarzlicht-Terrarium“ anknüpfen kann, so ist es doch ein wichtiges Buch eines wichtigen Autoren, da es, ähnlich wie zuletzt auch Juli Zehs „Corpus delicti“, moralische Fragen aufwirft, gegen deren Beantwortung sich die Intelligenzia unserer Tage konsequent verwehrt.(JF)

Zur leichten Annährung an das Thema „Schaumschwestern, Sexdolls und Masturbation“:

Der aktuelle Stand: Roxxxy
Die ‚Minis‘ von makepur.
Und natürlich Gleichberechtigung.
Und ein touch of trash.
Training and Rehearsal hier.

Trailer zum Buch:

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: