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Das war wie Magie. Das vergisst du nie. Zum Tod von Christoph Schlingensief.

Wenn man Leute traf, die mit ihm gearbeitet hatten, die ihn erlebten, konnte man stets feststellen, wie sehr sie ihm erlegen waren. Man wurde geschüttelt und gerührt, belehrt, bestraft und bestärkt. Ging mir nicht anders. Da stand ein wirrer Typ mit Megafon und schrie alles in Grund und Boden, das Theater, das Publikum, die Menschen auf der Straße, das Abendland, sich selbst und alle anderen. Da war Feuer. Ein Flächenbrand. Ein Blitzschlag der dich trifft und auflädt. Das war nicht nur Theater, das war das pralle Leben. „Der Blick in das Gesicht/ eines Menschen dem geholfen ist/ ist der Blick in eine schöne Gegend“(1) – man kann davon ausgehen, dass Christoph viele schöne Gegenden gesehen hat und man kann es auch anders formulieren, die Idee mit der schönen Gegend: „Du hast uns auf den Kopf gestellt und wir haben gesehen, wie schön die Aussicht ist.“(2). Kein Künstler, Theatermacher oder Aktionist hat in Deutschland in den letzten zwanzig Jahre die schöne Landschaft so erbarmungslos bespielt, die schöne Aussicht so rigoros verstellt wie er. Bei Schlingensief gab es nie etwas umsonst. Man mußte immer etwas dafür geben. Und wenn es nur ein Stück seiner Selbstverliebtheit war.

Neunzehnhundertachtundneunzig fuhren wir mal gemeinsam in meinem Auto von Stuttgart nach Freiburg. Ich hatte noch zwei Freunde dabei. Der eine mit journalistischem Hintergrund und ausgestattet mit einer Videokamera, der andere ein freischaffender Computer- und Softwarespezialist. Wir sprachen während der Fahrt über dieses und jenes und auch über Möglichkeiten seine Daten, sein Leben, sich selbst zu schützen. Christoph fragte irgendwann nach, als der Begriff des öfteren gefallen war, was eigentlich eine ‚Firewall’ genau sei und wie sie funktioniere. Er bekam darauf hin eine klar formulierte, sachlich fundierte und einfach zu verstehende Antwort, die uns allen deutlich machte, dass es nicht schlecht wäre, könnte man eine Firewall in seinem eigenen, in jedem System installieren. Es würde Zeit sparen. Und Kraft. Würde die ganzen Idioten abhalten, die wie Krankheitserreger am Körper zehren. Am Abend war die Idee einer solchen Firewall bereits Teil seiner stets anarchischen und einnehmenden Bühnenschow, die damals davon handelte, dass sich jeder einzelne als Chance verstehen sollte. Und dass auch diejenigen, die es wirklich hart getroffen hat, ihr Scheitern als Chance sehen und sich selbst dadurch nicht mehr unsichtbar gegenüber stehen.

Vielleicht wird es ja irgendwann mal eine Firewall geben, die dafür sorgt, dass wir Menschen Krankheiten wie Krebs nicht mehr erleiden müssen, den (auch wenn es in der Wahrnehmung vermeintlich immer zu schnell geht) schleichenden und qualvollen Prozess des Sterbens. Doch dann stürzt das Flugzeug ab, das dich in den Urlaub bringen soll, jemand hat die Mayo deiner Pommes zu lange in der Sonne gammeln lassen, eine Bombe explodiert in der U-Bahn oder du rutschst einfach aus und brichst dir das Genick. Auch wenn Elfriede Jelinek schrieb: „Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“, so muss man doch nüchtern feststellen, dass man bei einer menschlichen Sterblichkeitsrate von einhundert Prozent am Leben nur scheitern kann. Vielleicht ist deswegen in so vielen Nachrufen vom Himmel die Rede. Und von Petrus, dem alten Torpfosten und Trostspender. Eine kindlich-christliche Vorstellung vom Leben im Jenseits, dem sich in Trauer nur wenige erwähren können. Aber was will man machen. Sich die Hölle vorstellen? Einen Unort? Dann schon lieber die Harfe verweigern.

Im Herbst achtundneunzig gab Christoph mir das OK eine Buchdokumentation zum Projekt „Chance 2000“(3) in meinem Verlag, dem Lautsprecherverlag, zu veröffentlichen und ich fing an Texte und Materialien zu sammeln, zusammen zu stellen, zu hinterfragen, rief Rainald Götz hinterher, tauschte E-Mails mit Elfriede Jelinek, Dirk Baecker und Carl Hegemann aus und wagte mich daran ein Nachwort zu schreiben. Das Vorwort diktierte Christoph einem Stimmerkennungsprogramm. Ich war vierundzwanzig und lernte eine Menge.

Doch Christoph Schlingensiefs Kunsträume wurden mir zu hermetisch, zu solipsistisch. Es verlangte mir zuviel ab, mich daran abzuarbeiten. Ich wollte es auch nicht. Ich wollte mich nicht mit Wagner beschäftigen. Ich werde es nie tun. Ich empfinde Wagner auch heute noch als Beleidigung. Vielleicht war es nicht die Aufgabe des Künstlers Schlingensief sich gegen das Establishment zu wehren. Vielleicht hat er das irgendwann erkannt, sich dem Gegenentwurf zugewandt, das Heil in der Flucht, in der Ferne, im vermeintlichen Unfrieden Afrikas gesucht und gefunden. Spätestens mit der Krebsdiagnose war für ihn das Establishment sowieso nur noch eine Farce. Doch wie streitbar er war, wieviel Haltung er abverlangte und wie prägend er für viele war und noch sein wird, wird man erst abschätzen können, wenn das Leben seine Geschichte weiterschreibt und wenn sie dann plötzlich auftauchen, die Versatzstücke, die Bilder, die Ideen und Visionen.

Der letzte Eintrag auf Schlingensiefs Blog vom 07. August 2010 ist überschrieben mit „DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO ! – „ERINNERN HEISST : VERGESSEN !“ (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)“. Na dann, schlafen sie schön, Herr Schlingensief. Aber das mit dem Vergessen kannst du knicken!

(1) Aus dem Rosa-Luxemburg-Fragment von Bertolt Brecht
(2) Aus einem offenen Abschiedsbrief seines inneren Kreises an Christoph Schlingensief, veröffentlicht auf http://www.schlingensief.com
(3) Chance 2000 – Die Dokumentation, Lautsprecherverlag, 1999, vergriffen

(Johannes Finke)

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