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Rein, Raus, Rein – Kleider machen Leute oder Psychosenherd: Die Umkleidekabine
Februar 19, 2012, 7:38 am
Filed under: Anmerkungen, Gesellschaft | Schlagwörter: , ,

Umkleidekabinen. Es gibt die schönen und die weniger schönen Momente in und mit ihnen. Sie können prägend sein. Jeder hat seine ganz eigenen. Für manche sind sie Grundlage, Nährboden oder Anlass für Psychosen und Neurosen, die einen ein Leben lang begleiten und behindern. Bei der Konfrontation mit Nacktheit, Geschlechtsteilen und vermeintlichen körperlichen Unzulänglichkeiten in Kombination mit den immer gleichen, egal ob pubertär oder erwachsen, gruppendynamischen Mustern der Ausgrenzung und Demütigung, sind Homophobie und Magersucht zuweilen nicht weit. Da nehmen sich die Geschlechter nicht viel, subtil ist da keiner, Taktik ist alles. Ego ist nichts. Verstohlene Blicke auf den kleinen Arsch und die dünnen, langen Beine der Konkurrentin auf dem Laufsteg. Die Freude, wenn man in der Perfektion eines anderen doch Fehler entdeckt, sei es nur für sich selbst, die Schadenfreude bei Niederlagen, Rückschlägen oder Entscheidungen, wenn man erschöpft, verschwitzt und ausgelaugt auf die Holzbank sinkt und die Ermattung in Lähmung umschlägt, die Erleichterung wenn man nicht der ist, der im Fokus der Mitschüler oder Mitschülerinnen, der Mannschaftskameraden oder der Arbeitskollegen steht und zum Mobbingopfer wird. Klatsch, Tratsch, Körperkult und Konkurrenz sind enge Freunde.

In Umkleidekabinen ist alles möglich, es sind Mikrokosmen menschlicher Stellungsspiele des Mit- und Gegeneinanders, Heimat subtiler Pein und zeitgleich Orte für verschwörende Momente der Verbrüderung. Die Freude und das Feiern mit der Handballmannschaft nach einem gewonnen Spiel. Pubertäre Gruppenpossen beim gemeinsamen Duschen nach dem Schulsport. Die lüsternen Schuljungenblicke durch das nicht natürlich gewachsene Astloch zur benachbarten Kabine im Freibad, stets mit der Hoffnung eine Frau, die in Antlitz, Erhabenheit und Sexyness den Traumbildern entspricht, die man sich mit dreizehn eben so macht, beobachten zu können und der eigenen Sexualität etwas Futter zu geben. Letztendlich war man in jungen Jahren froh um jeden Nippel. Umkleidekabinen und deren Verwandte, die Garderoben, haben eines gemeinsam: sie können Orte großer Freude und größter Verzweiflung sein, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt wenn man feststellen muss, dass der eigene Körper nicht den gesellschaftlichen Normen und den eigenen Ansprüchen genügt, endorphingetränkt und zufrieden nach überstandener Arbeit, wenn der Applaus nachhallt, wenn man endlich eine Hose gefunden hat, die sitzt, passt und gefällt.

Immer geht es darum, sich zu verwandeln, zu verändern, in eine Rolle zu schlüpfen. Ganz gleich, ob man sich Stollenschuhe schnürt und das Spielfeld zu betritt um Tore zu schiessen, in zu großen High Heels schlüpft um über den Catwalk zu wandeln oder einfach nur ein Outfit für das nächste Date sucht.

Wie man Umkleidekabinen vielleicht am Besten nutzt, kann man auf dem autoerotischen Online-Vergnügungsportal youporn betrachten. Aber vielleicht ist das auch nur die ausgeklügelte Werbestrategie eines schwedischen Textileinzelhandelsunternehmen, das mit seinen regelmäßigen Sonderkollektionen dafür sorgt, dass der Mob sich derart um die Ware reisst, dass für das Aufsuchen von Umkleidekabinen keine Zeit mehr bleibt. Schade eigentlich.

(JF)


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