Faceyourmagazine's Blog


Alles neu macht der Herbst, Relaunch, Changes, zarte Justierungen, Weichen stellen, Stand: November 2012
Oktober 31, 2012, 9:00 am
Filed under: Anmerkungen, Taktik | Schlagwörter: , , ,

Das Mutterschiff hat gerelaunched und der Blog wird nun endlich zum reinen Berliner und berichtet von den Schrecklich- und Unwegsamkeiten urbaner Tiefen und Untiefen der deutschen Hauptstadt zwischen dem Duft der großen weiten Welt, dem real-existierenden Hipstermythos und dem kleinbürgerlichen Kiezmief gentrifizierter Brennpunkte. Also, nochmal richtig: HALLO BERLIN!

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Rein, Raus, Rein – Kleider machen Leute oder Psychosenherd: Die Umkleidekabine
Februar 19, 2012, 7:38 am
Filed under: Anmerkungen, Gesellschaft | Schlagwörter: , ,

Umkleidekabinen. Es gibt die schönen und die weniger schönen Momente in und mit ihnen. Sie können prägend sein. Jeder hat seine ganz eigenen. Für manche sind sie Grundlage, Nährboden oder Anlass für Psychosen und Neurosen, die einen ein Leben lang begleiten und behindern. Bei der Konfrontation mit Nacktheit, Geschlechtsteilen und vermeintlichen körperlichen Unzulänglichkeiten in Kombination mit den immer gleichen, egal ob pubertär oder erwachsen, gruppendynamischen Mustern der Ausgrenzung und Demütigung, sind Homophobie und Magersucht zuweilen nicht weit. Da nehmen sich die Geschlechter nicht viel, subtil ist da keiner, Taktik ist alles. Ego ist nichts. Verstohlene Blicke auf den kleinen Arsch und die dünnen, langen Beine der Konkurrentin auf dem Laufsteg. Die Freude, wenn man in der Perfektion eines anderen doch Fehler entdeckt, sei es nur für sich selbst, die Schadenfreude bei Niederlagen, Rückschlägen oder Entscheidungen, wenn man erschöpft, verschwitzt und ausgelaugt auf die Holzbank sinkt und die Ermattung in Lähmung umschlägt, die Erleichterung wenn man nicht der ist, der im Fokus der Mitschüler oder Mitschülerinnen, der Mannschaftskameraden oder der Arbeitskollegen steht und zum Mobbingopfer wird. Klatsch, Tratsch, Körperkult und Konkurrenz sind enge Freunde.

In Umkleidekabinen ist alles möglich, es sind Mikrokosmen menschlicher Stellungsspiele des Mit- und Gegeneinanders, Heimat subtiler Pein und zeitgleich Orte für verschwörende Momente der Verbrüderung. Die Freude und das Feiern mit der Handballmannschaft nach einem gewonnen Spiel. Pubertäre Gruppenpossen beim gemeinsamen Duschen nach dem Schulsport. Die lüsternen Schuljungenblicke durch das nicht natürlich gewachsene Astloch zur benachbarten Kabine im Freibad, stets mit der Hoffnung eine Frau, die in Antlitz, Erhabenheit und Sexyness den Traumbildern entspricht, die man sich mit dreizehn eben so macht, beobachten zu können und der eigenen Sexualität etwas Futter zu geben. Letztendlich war man in jungen Jahren froh um jeden Nippel. Umkleidekabinen und deren Verwandte, die Garderoben, haben eines gemeinsam: sie können Orte großer Freude und größter Verzweiflung sein, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt wenn man feststellen muss, dass der eigene Körper nicht den gesellschaftlichen Normen und den eigenen Ansprüchen genügt, endorphingetränkt und zufrieden nach überstandener Arbeit, wenn der Applaus nachhallt, wenn man endlich eine Hose gefunden hat, die sitzt, passt und gefällt.

Immer geht es darum, sich zu verwandeln, zu verändern, in eine Rolle zu schlüpfen. Ganz gleich, ob man sich Stollenschuhe schnürt und das Spielfeld zu betritt um Tore zu schiessen, in zu großen High Heels schlüpft um über den Catwalk zu wandeln oder einfach nur ein Outfit für das nächste Date sucht.

Wie man Umkleidekabinen vielleicht am Besten nutzt, kann man auf dem autoerotischen Online-Vergnügungsportal youporn betrachten. Aber vielleicht ist das auch nur die ausgeklügelte Werbestrategie eines schwedischen Textileinzelhandelsunternehmen, das mit seinen regelmäßigen Sonderkollektionen dafür sorgt, dass der Mob sich derart um die Ware reisst, dass für das Aufsuchen von Umkleidekabinen keine Zeit mehr bleibt. Schade eigentlich.

(JF)



Nie waren sich Mensch und Tier so nah und doch so weit voneinander entfernt. Zum Tod von Eisbär Knut.
März 21, 2011, 12:00 pm
Filed under: Anmerkungen | Schlagwörter: , ,

Aus irgendeinem Grund wurde dieser Eisbär zu einem Symbol für den Klimawandel. Warum auch nicht. Ein seiner in jeglicher Hinsicht natürlichen Umgebung beraubter kleiner tapsiger Bursche, dessen einziger Freund ein Tierpfleger war, in dessen melancholischen Wesen sich stets Unbehagen und Liebe zugleich wiederspiegelten. Speziell Kinder erkannten darin etwas erhabenes. Selten wurde der Weltöffentlichkeit so deutlich gezeigt, wie sehr Mensch und Tier sich auf dieser Welt bedingen und wie schwer die Verantwortung dabei auf des Menschen Schultern lastet. Am Samstag gegen 15 Uhr stürzte Knut nach einem kurzen Eisbärleben von vier Jahren während eines Anfalls ins große Becken seines Geheges und ging unter. Einfach so. Vielleicht lernen wir daraus, dass die Natur öfters mal einfach so etwas geschehen, einen Eisbären zu früh sterben, die Erde in Japan unvermittelt stark wie nie zuvor beben lässt. Da kann man manchmal einfach nichts mehr machen.
Der nach dem zu Knuts Tod gesendete Beitrag beim RTL Mittagsmagazin wurde dann auch wieder so anmoderiert, als wäre die Welt nun tatsächlich aus den Fugen geraten: „Muss eine dreijährige Lippgloss auflegen und Designerklamotten tragen?“. Vielleicht wäre es sinnvoller Dreijährigen in Zukunft auch diese Geschichte zu erzählen: „Es war einmal ein kleiner Eisbär namens Knut…“. (JF)



Tapetenwechsel & Wechseljahre. Die Liebe zur Unvernunft.
Oktober 6, 2010, 7:19 pm
Filed under: Anmerkungen, Taktik, vor ort | Schlagwörter: , , ,

Viel ist passiert. Mal mehr. Mal wenigter. Viele Floskeln. Viel Abwicklung. Zuletzt Louisville Records und Virginia Jetzt!. Ja, man bekommt so einiges mit in Großraum- bzw. Gemeinschaftsbüros. Zuletzt den Aufstieg der Stimmungsgranaten Philipp Poisel und William Fitzsimmons beim Indielabel-Klassenprimus Grönland und jüdische Stand-Up eines Oliver Polak. Also allerhöchste Zeit für einen Tapetenwechsel. Wo wir landen wissen wir noch nicht. Aber Nicht-Wissen ist auch mal ein schöner Zustand. Und so ein leergeräumtes Büro ist auch mal ein schöner Anblick.



Das war wie Magie. Das vergisst du nie. Zum Tod von Christoph Schlingensief.

Wenn man Leute traf, die mit ihm gearbeitet hatten, die ihn erlebten, konnte man stets feststellen, wie sehr sie ihm erlegen waren. Man wurde geschüttelt und gerührt, belehrt, bestraft und bestärkt. Ging mir nicht anders. Da stand ein wirrer Typ mit Megafon und schrie alles in Grund und Boden, das Theater, das Publikum, die Menschen auf der Straße, das Abendland, sich selbst und alle anderen. Da war Feuer. Ein Flächenbrand. Ein Blitzschlag der dich trifft und auflädt. Das war nicht nur Theater, das war das pralle Leben. „Der Blick in das Gesicht/ eines Menschen dem geholfen ist/ ist der Blick in eine schöne Gegend“(1) – man kann davon ausgehen, dass Christoph viele schöne Gegenden gesehen hat und man kann es auch anders formulieren, die Idee mit der schönen Gegend: „Du hast uns auf den Kopf gestellt und wir haben gesehen, wie schön die Aussicht ist.“(2). Kein Künstler, Theatermacher oder Aktionist hat in Deutschland in den letzten zwanzig Jahre die schöne Landschaft so erbarmungslos bespielt, die schöne Aussicht so rigoros verstellt wie er. Bei Schlingensief gab es nie etwas umsonst. Man mußte immer etwas dafür geben. Und wenn es nur ein Stück seiner Selbstverliebtheit war.

Neunzehnhundertachtundneunzig fuhren wir mal gemeinsam in meinem Auto von Stuttgart nach Freiburg. Ich hatte noch zwei Freunde dabei. Der eine mit journalistischem Hintergrund und ausgestattet mit einer Videokamera, der andere ein freischaffender Computer- und Softwarespezialist. Wir sprachen während der Fahrt über dieses und jenes und auch über Möglichkeiten seine Daten, sein Leben, sich selbst zu schützen. Christoph fragte irgendwann nach, als der Begriff des öfteren gefallen war, was eigentlich eine ‚Firewall’ genau sei und wie sie funktioniere. Er bekam darauf hin eine klar formulierte, sachlich fundierte und einfach zu verstehende Antwort, die uns allen deutlich machte, dass es nicht schlecht wäre, könnte man eine Firewall in seinem eigenen, in jedem System installieren. Es würde Zeit sparen. Und Kraft. Würde die ganzen Idioten abhalten, die wie Krankheitserreger am Körper zehren. Am Abend war die Idee einer solchen Firewall bereits Teil seiner stets anarchischen und einnehmenden Bühnenschow, die damals davon handelte, dass sich jeder einzelne als Chance verstehen sollte. Und dass auch diejenigen, die es wirklich hart getroffen hat, ihr Scheitern als Chance sehen und sich selbst dadurch nicht mehr unsichtbar gegenüber stehen.

Vielleicht wird es ja irgendwann mal eine Firewall geben, die dafür sorgt, dass wir Menschen Krankheiten wie Krebs nicht mehr erleiden müssen, den (auch wenn es in der Wahrnehmung vermeintlich immer zu schnell geht) schleichenden und qualvollen Prozess des Sterbens. Doch dann stürzt das Flugzeug ab, das dich in den Urlaub bringen soll, jemand hat die Mayo deiner Pommes zu lange in der Sonne gammeln lassen, eine Bombe explodiert in der U-Bahn oder du rutschst einfach aus und brichst dir das Genick. Auch wenn Elfriede Jelinek schrieb: „Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“, so muss man doch nüchtern feststellen, dass man bei einer menschlichen Sterblichkeitsrate von einhundert Prozent am Leben nur scheitern kann. Vielleicht ist deswegen in so vielen Nachrufen vom Himmel die Rede. Und von Petrus, dem alten Torpfosten und Trostspender. Eine kindlich-christliche Vorstellung vom Leben im Jenseits, dem sich in Trauer nur wenige erwähren können. Aber was will man machen. Sich die Hölle vorstellen? Einen Unort? Dann schon lieber die Harfe verweigern.

Im Herbst achtundneunzig gab Christoph mir das OK eine Buchdokumentation zum Projekt „Chance 2000“(3) in meinem Verlag, dem Lautsprecherverlag, zu veröffentlichen und ich fing an Texte und Materialien zu sammeln, zusammen zu stellen, zu hinterfragen, rief Rainald Götz hinterher, tauschte E-Mails mit Elfriede Jelinek, Dirk Baecker und Carl Hegemann aus und wagte mich daran ein Nachwort zu schreiben. Das Vorwort diktierte Christoph einem Stimmerkennungsprogramm. Ich war vierundzwanzig und lernte eine Menge.

Doch Christoph Schlingensiefs Kunsträume wurden mir zu hermetisch, zu solipsistisch. Es verlangte mir zuviel ab, mich daran abzuarbeiten. Ich wollte es auch nicht. Ich wollte mich nicht mit Wagner beschäftigen. Ich werde es nie tun. Ich empfinde Wagner auch heute noch als Beleidigung. Vielleicht war es nicht die Aufgabe des Künstlers Schlingensief sich gegen das Establishment zu wehren. Vielleicht hat er das irgendwann erkannt, sich dem Gegenentwurf zugewandt, das Heil in der Flucht, in der Ferne, im vermeintlichen Unfrieden Afrikas gesucht und gefunden. Spätestens mit der Krebsdiagnose war für ihn das Establishment sowieso nur noch eine Farce. Doch wie streitbar er war, wieviel Haltung er abverlangte und wie prägend er für viele war und noch sein wird, wird man erst abschätzen können, wenn das Leben seine Geschichte weiterschreibt und wenn sie dann plötzlich auftauchen, die Versatzstücke, die Bilder, die Ideen und Visionen.

Der letzte Eintrag auf Schlingensiefs Blog vom 07. August 2010 ist überschrieben mit „DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO ! – „ERINNERN HEISST : VERGESSEN !“ (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)“. Na dann, schlafen sie schön, Herr Schlingensief. Aber das mit dem Vergessen kannst du knicken!

(1) Aus dem Rosa-Luxemburg-Fragment von Bertolt Brecht
(2) Aus einem offenen Abschiedsbrief seines inneren Kreises an Christoph Schlingensief, veröffentlicht auf http://www.schlingensief.com
(3) Chance 2000 – Die Dokumentation, Lautsprecherverlag, 1999, vergriffen

(Johannes Finke)



Taktische Medien, Mädchen und Märchen oder Fraeulein Tessa, ich und das Etablieren einer Streitkultur. Letzter Teil der Reihe Liebe 2.0

Meine Freundin bloggt, macht in Community Management und Social Media, spricht auf der re:publica über „Liebe ist für alle da – New Story Telling am Beispiel der Netzgeschichten über Beziehung & Partner“ und schreibt auch regelmäßig und von Anfang an für das BLANK Texte u.a. über die/das NEON, über Weiblichkeit im Wahlkampf oder über den neuen Feminismus. Alles Texte, die für das Selbstverständnis und die innere und äußere Zielrichtung von BLANK sehr wichtig sind. Alles Texte, die gut als Verhandlungsgrundlage funktionieren und an denen man sich reiben kann. Wir beide, also meine Freundin und ich, reiben uns sehr gerne, nicht nur körperlich, auch und speziell an Themen und Texten, an unterschiedlichen Auffassungen, Haltungen, emotionalen Verstrickungen und was man hinter dem vermutet was der andere macht und und noch viel mehr: warum er das macht. Manchmal ist das durchaus mit Schmerzen verbunden, denn es geht oft an die Substanz und kollidiert mit dem alltäglichen gegenseitigen Entgegenbringen und Empfangen von Liebe. Zum Glück sind es andere Menschen, die eine als Seminar getarnte Precht-Show benötigen um mit anderen und speziell ‚Dem‘ Anderen auf Augenhöhe über, mit und in Liebe kommunizieren zu können. Doch das sind anders geartete Stilblüten moderner Verweserei. Meine Freundin und ich machen das unter uns aus. Beim Reiben.

Speziell der Themenkomplex, den man grob als „Netzkultur“ umreißen könnte, erzeugt zuweilen Hitze zwischen uns, regelrechte Flächenbrände sind das, die langsam schwelend sich schnell ausbreiten und dann wild durch unser Wohnzimmer wüten. Ich bin zum Beispiel nicht bei Facebook. Das war zuerst wahrscheinlich Versäumnis, wurde jedoch irgendwann eine bewußte Entscheidung dagegen. Trotzdem werde ich auch in real life mit Facebook und der dort stattfindenden Kommunikation konfrontiert und werde im Freundes- oder Bekanntenkreis, aber auch von unerwarteter Seite, mal auf die ein oder andere, von meiner Freundin bei Facebook gepostete Information angesprochen und, das ist dann der etwas schwerer zu erklärende Teil, irgendwie mag ich das nicht. Genaugenommen finde ich das größtenteils fürchterlich. Warum, das wird in diesem Text hoffentlich das ein oder andere mal hindurchschimmern.

Letztendlich sind es Annahmen, Unvollständig- und Belanglosigkeiten, an denen ich mich stosse. Natürlich entdecke ich hinter kurzen Tweets meiner Freundin auch ganz andere, mich, uns und unsere Beziehung betreffende Horizonte, die kein anderer beim Lesen im Kopf hat und trotzdem spielt Eifersucht eine Rolle, das banale Flirten, der Austausch digitaler Nettigkeiten und das gegenseitigen Vermitteln einer We-Are-One-Mentalität im Kleinen. Ich frage mich zumindest oft, wie meine Freundin, aber auch Freunde und Bekannte ihre Netz-Kontakte klassifizieren, was für ein Wertigkeitssystem sie anwenden und zu welchem Zweck und  mir ist durchaus klar, dass die Pflege von Freundschaften, der Netzwerkgedanke oder die Idee Up2Date zu bleiben für andere schlüssige Erklärungen oder Antworten sind – für mich nun mal nicht. Und was die Eifersucht angeht, tja, da bleibt mir nur die persönliche Entscheidung, mich für das, was meine Freundin bei Facebook, Twitter & Co. kommuniziert, nicht  zu interessieren. Ich nehme doch mal an,  meine Freundin wird mir schon mitteilen, wenn es etwas gibt, was für mich wichtig oder relevant sein könnte. Ich glaube das ist auch meiner Freundin lieber. Für mich ist meine Facebook Nicht-Existenz  keine Frage von Verweigerung, Verschmähung oder Herabwürdigung einer Kommunikations- bzw. Beschäftigungskultur, sondern vielmehr eine Haltungs- oder Mentalitätsfrage. Doch nochmal zurück zu allgemeinen Verständnisfragen: Nazis die bloggen sind Nazis, die ein Format bzw. ein Medium nutzen, um ihr wirres Gedankengut zu teilen oder sich mit anderen zu organisieren. Briefmarkensammler die bloggen sind Briefmarkensammler, die ein Format nutzen, um ihr wirres Gedankengut zu teilen oder sich mit anderen zu organisieren.  Jetzt wird es etwas komplizierter: Blogger die bloggen sind Blogger, die usw. Da fängt mein Unverständnis an. Also weiter im Text: Um das ‚Sich-organisieren‘ von Bloggern und anderen ‚Aktivisten‘ dreht es sich bei Veranstaltungen wie der republica,  bei der in diesem Jahr Programmpunkte auf dem Plan stehen wie z.B. „Kostenloskultur vs. Paid Content“, „Modefotografie auf der Straße“, „Blogs monetarisiern aber wie?“, „Sex and the Internet“, „Netzneutralität: Eine Einführung“, „Das Urheberrecht im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“, „Blog und Blogger-Typologien“ und natürlich unvermeidliche Zeitgeistigkeiten wie eine Twitterlesung mit und wahrscheinlich um Sascha Lobo.

Auffallend ist die Gewichtung von Mode bzw. Fashion (und das nicht bezugnehmend  auf Sascha Lobo) in dieser ‚Szene‘, also nochmal kurz ein paar an vorhergehendes  anschliessende Überlegungen: Fashion-Victims, die bloggen, sind keine Fashion-Victims sondern Fashion- bzw. Modeblogger. Das kann dann auch, wie im Falle von Tavi Gevinson, ein dreizehn-jähriges Mädchen aus der amerikanischen Provinz sein, die sich vornhemlich in hohen Schuhen ablichtet und deren Kommentare mittlerweile auch bei Harper’s Bazarre gefragt sind. Aber jünger, dünner und dümmer ist in dieser Szene ja sowieso allgegenwärtig und die sich stetig wiederholende Pervertierung ästhetischer Normierungsversuche leider ein Dauerzustand. Aber Mode kommt an und spiegelt den momentanen Versuch eine neue Elite zu formulieren sehr gut wieder. So kommt auch der Lead-Award nicht an der Mode vorbei, egal ob am Branchenriesen Vogue oder am erfolgreichen Berliner Fashion-Blog LesMads: zwei junge Damen, die zumindest eine gute Figur machen und dem Blog ein Gesicht geben.  Hier ist die Mode in der ‚Netzgemeinde‘ angekommen, auch wenn sich natürlich Fragen nach Positionierung, Vereinnahmung seitens der Industrie und Kommerzialisierung nicht vermeiden lassen, denn das Objekt der Begierde gibt es in der Regel nunmal leider nicht umsonst und in Goodie-Bags wächst auch kein Gemüse. Auf die Frage, ob die ‚Mode‘ manchmal nicht nervt, antwortet die Modebloggerin Mary Scherpe in einem heute erschienen Kurzinterview in der Welt: „Der Modezirkus nervt einige, ich finde es aber eher belustigend, ihn zu beobachten.“ Doch genau diese Grenze zwischen belustigtem und darüber erhabenem Beobachter-Dasein und mittendrin statt nur dabei ist doch, auch in der ‚Mode‘, eine spannende Frage, die man in erster Linie mal für sich selbst beantworten sollte und muss. Aber auch darüber wird natürlich auf der republica gesprochen.  Ja, die Mode. Was ist mit uns passiert? Wer hat die gemeinsame Schuluniform denn eingeführt? Die Eltern, die Schule oder am Ende gar wir selbst? Es macht die Welt zumindest bunter (an Orten die Generationen zuvor grau angepinselt haben) und uns etwas ruhiger und selbstsicherer. Zur Rebellion langt da bereits eine runde Sonnenbrille. Doch ich entferne mich vom eigentlichen Thema, dem diskrepantischen zwischen meiner Freundin und mir.

Meine Freundin ist öfters auf Veranstaltungen, bei denen ihr Beschäftigs- und Betätigungsfeld, also Social Media im Allgemeinen, Blog-Kultur und Community Management im Speziellen, eine gewichtige Rolle spielen. So z.B. die bereits erwähnte republica und Veranstaltungen wie das Politcamp2010 und mir scheint, als würde sich meine Freundin auch dort in einem durchaus definiertem Gebilde aus vornehmlich Personen, aber auch Institutionen und Meinungsbildern bewegen. Vom Versuch des von Außen betrachtet, stellt sich mir immer weniger die Frage nach Methodik, Anwendung oder der stetigen gegenseitigen Bestätigung, sondern viel mehr nach dem ‚Gemeinsamen‘, dem was eine Gruppe von Leuten, die sich regelmäßig über ‚ihr‘ Medium austauschen, an Haltungen und Absichten ausmacht und ob man dem, ob ich dem trauen kann. Was bedeuten Begriffe wie „Internet-Szene“ und „Netzgemeinde“ bzw. die Intention der Etablierung einer solchen wirklich, wenn z.B. und u.a. die FAZ so selbstverständlich mit Begrifflichkeiten wie diesen umgeht und anlässlich vom Politcamp2010 und der Anwesenheit der jungen CDU-Familienminissterin Kristina Schröder anmerkt, dass ‚ihre Partei, also die CDU, der Internet-Szene inhaltlich nicht nahestehen‘ würde. Das beschreibt sich selbst ja fast schon als Versuch der beidseitigen Einvernahme, eine Power-Allianz zwischen ‚Netzgemeinde‘ und Politik und lässt mich fragen, wo denn diese ‚Internet-Gemeinde‘ eigentlich steht und wo sie hin will. Fakt ist, sie glaubt zu sein und entwickelt Mechanismen der Abwehr von Äussern und der Manifestation des Inneren. Doch was sich im Inneren versteckt lässt sich leider nicht erkennen.

Doch um mitreden zu dürfen, bedarf es der Beteiligung und das ist der mir missfallende Umstand: Der Trugschluß des Zusammenschließens, das Ausblenden anderer Realitäten und der Versuch Meinungshoheit und Kernkompetenz zu definieren. Natürlich ist es verlockend an etwas zu glauben, das dem Bild einer ‚Bewegung‘ nahe kommt. So sind wir Menschen. So ist meine Freundin. So bin ich. Wir alle tragen die Hoffnung nach Erlösung in uns. Die Hoffnung, gemeinsam zu gestalten. Erfüllung. Das ist bei Kirchentagen nicht anders als bei der Love-Parade, bei Barcamps nicht anders als beim Tantra-Workshop, bei der Republica nicht anders als beim Tocotronic-Konzert oder bei einem Treffen der völkischen Jugend. Und sind wir ehrlich, auch wenn es schmerzt, im Berghain scheint dieses Gefühl ebenfalls allgegenwärtig. Meine Freundin und ich haben neulich mal festgestellt, dass wir, seitdem wir uns kennen, nicht mehr im Berghain waren. Weder einzeln, noch gemeinsam. Vielleicht nur ein Zufall. So ganz einig sind wir uns da nicht. Wir schaffen uns trotzdem Orte und Momente der Unordnung, der Verstörung, einzeln und auch gemeinsam. Gemeinsam auf Kongresse oder Zusammenkünfte wie die hier behandelten gehen meine Freundin und ich dagegen nicht. Da finden wir nicht richtig zueinander. Vielleicht weil ich da etwas borniert bin und den alten Mann gebe. Vielleicht aber auch, weil ich die Faszination kenne, die Magie. Da liegt etwas in der Luft. Und es ist nicht der Klimawandel. Und auch kein Glaubensbekenntnis. Aber es ist etwas. Etwas anderes. Es kommt meist schleichend, doch plötzlich hat es dich. Das ist wie eine Sucht, wie Spiele ohne Brot.

Im Jahre 1999 hatte ich das Glück, den in Amsterdam zum dritten Mal stattfindenden Kongress „next 5 minutes“ besuchen zu können. Ich reiste dorthin im Zuge von Schlingensiefs Chance 2000, einem Projekt das mich zumindest ansatzweise und kurzfristig geistig zerrüttet hatte, und sah dem ganzen aktivistischen Treiben eher unaufgeregt entgegen, aber durchaus interessiert.  Schon beim Lautsprecherverlag hatten wir früh angefangen solide im Netz aufzutreten und das Medium für Pressearbeit und Kommunikation zu nutzen. Doch bei Chance 2000 war das Internet, auch als Kontrapunkt zum archaischen, unmittelbaren und aktionistischen Kunstverständnis von Schlingensief und Hegemann, stets präsent und eine wichtige Vorausetzung, ein wichtiges Tool, für die Kommunikation untereinander, das Bereitstellen von Grundsatztexten, Parteiprogrammen, Flyer-, Plakat- und Aufklebervorlagen, amtlichen Vordrucken, um einfacher an die Unterschriften für die Wahlzulassung zu kommen und zum intellektuellen Austausch, damals in Form eines Thinktanks, in dem Kuhlbrodt, Hegemann, Stuckrad-Barre, Goetz, Jelinek und andere Konsorten mal mehr und mal weniger den Austausch suchten. Doch je weiter nach unten sich die Strukturen im Verlaufe des Projekts verzweigten, desto wichtiger wurde das Internet, desto aktivistischer wurde das Treiben. Natürlich war die damit einhergehende Pseudo-Demokratisierung des Projektes dessen gleichzeite Ende, denn es war Kunst und wollte auch als solche wahrgenommen werden. Und Kunst ist nun mal nicht demokratisch.

Um es abzukürzen: In seinen Ausläufern brachte mich Chance 2000 dann hierher, in das ehrwürdige Amsterdamer Paradiso, anlässlich eines Kongresses zum grobschlächtigen Thema „Taktische Medien“. Und da war vielleicht was los! Neu formulierte und alternative Macht- und Lobbyverbände, Vertreter neuer und unabhängiger Kommunikationsformen und zugegebener Maßen eine große Anzahl an Freaks und Interessierten, die sich durch die alles vereinnahmende Popkultur  angesprochen und angezogen fühlten, trafen sich um so etwas wie ‚freie Netzwerkforschung‘ zu betreiben, diese zu emotionalisieren, aufzuspüren und für jeden einzelnen Teilnehmer habhaft zu machen. So die Idee. So mein rückblickendes Gefühl. Die subjektive Emo-Gurke. Ein Hauch von Widerstand war dort in diesen drei Tagen für mich spürbar, ein Anflug von Veränderung. Wir waren jung. Wir hatten Laptops. Und ein paar hatten bereits einen Communicator. Wir verbrachten quasi vierundzwanzig Stunden im Paradiso, zwischen Streaming-Sessions und LSD-Trip, zwischen Vorträgen, Workshops und Projektpräsentationen, vom Menschenrechtsprojekt im Irgendwo, über NGOs und Kunstprojekt bis zur Hacker-Community. Und hey, wir waren in Amsterdam, ein mir damals recht vertrautes Pflaster, stets bereit und Laster everywhere. Und durch eine freundeskreisbedingte Affinität zu Hackern, Crackern und Tradern kam mir diese Mischung aus Weltverbesserung, Tool-Kapazitäten und Nerd-Tum gerade Recht. Hinzu kam damals, ohne auf das in diesem Text unterschwellig mitschwingende Thema ‚Eifersucht‘ wieder näher einzugehen, noch ein genau zu diesem Stadtpunkt staatfindendes Liebes-Chaos.  Ich muss gestehen, dass ich weniger in Amsterdam war, um die damals frisch erschienene Buchdoku über Chance 2000 vorzustellen, sondern mehr um mich den immer und allgegenwärtigen Lebensthemen Selbstfindung und -erfahrung zu widmen. Ich hatte das Gefühl, mich emtional wieder aufladen zu müssen. Um so überraschter war ich, als ich feststellte, dass sich das wunderbar mit diesem Kongress verbinden konnte, denn viele waren so wie ich. Zumindest mehr als woanders. Und das war schon mal was.

Eines meiner persönliche Highlights damals war ein, wie sich später herausstellte, Abschlussvortrag, der, um es grob zu umreißen, zum Thema hatte: Gameboy hacken, vom Quellcode bis zum Cartridge, und ein Spiel coden, in dem man als Player in der Gestalt eines kleinen Mädchens oder eines kleinen Jungen, den Versuchungen von Welt zu widerstehen hatte: dem Dealer, dem Pfarrer und anderen Verschmutzern digitaler Junfräulichkeit. Dieser zweieinhalb stündige Vortrag enthielt alles: die Enstehung von Nintendo, Yakuza und Spielkarten, Maschinen- und Konsolenspiele, technische Anleitungen zum Bespielen von Cartridges mit Spielen, das Anlegen von Online-Datenbanken, die grafische Umsetzung, das Verhandeln mit Toys’r’Us über einen Vertriebsdeal und vieles mehr. Noch heute klebt der verspiegelte Carbon Defense League-Aukleber pattexverhaftet auf meinem Gitarrenkoffer. Ein analoges Artefakt aus der Zeit meiner digitalen Bewußtwerdung. Man kann also durchaus sagen, ich habe eine recht früh gefestigte und emotionale Bindung zu den Möglichkeiten einer, meiner digitalisierten Generation.

Doch auch in dieser Nacht waren es keine Bits und Bytes, die mich nachhaltig beeindrucken sollten, sondern ein Live-Auftritt der Dead Poets NY und anderen Spoken WordArtists anlässlich der Europremiere von Slam, einem Film mit Saul Williams in der Hauptrolle. Ich kann mich noch heute sehr gut an alles erinnern, an die Emotionen, die nur so durch den Saal flogen, an den Schweiß, an die Wut, die Hoffnung und an das Heilsversprechen. Ich hatte nur wenige literarische Erweckungsmomente und in der Regel waren es Zeilen, Absätze, Kapitel und Bücher von Autoren, bei denen einem schnell bewußt wurde, dass sie einen nun eine Weile begleiten werden – in dieser Nacht jedoch war es das gesprochene Wort. Selten haben mich spoken word so berührt. Es hatte funktioniert. Ich fuhr nach Hause, hatte wieder etwas Kraft, hab mich wieder verliebt, Texte geschrieben und den Gedichtband „Sex mit Monika Kruse oder Stell Dir vor es ist Pop und keiner geht hin!“ veröffentlicht. Schrieb E-Mails, war bei Myspace. Hatte ein, zwei Bulletins und Newsletter. Für Netactivism und Netzkultur habe ich mich nicht mehr sonderlich interessiert. Mehr für Texte. und den er sie schreibt, vornehmlich für mich, aber auch für andere. Für Kunst und die, die sie machen und für das Selbermachen. Auch bei der Musik. Es sollte unmittelbar sein. Ohne etwas dazwischen. Keine Verwandlung in digitales Gestöber. Schweiß. Blut. Tränen. Bücher. Platten. Ewig lange Lesetouren, Theater, Ausstellungen, Projekte denen man sich langfristig verschreiben muss und die doch endlich sind. Meine Freundin kennt mich. Sie kennt das Glänzen in meinen Augen. Ich glaube sie mag das an mir und ich glaube manchmal fragt sie sich doch, was das ist und ob sie es auch hat.

Natürlich kann ich mit diesem Text dem nicht gerecht werden, was zwischen mir und meiner Freundin funkt. Es sind so viele Kleinigkeiten, Aversionen, Ängste, das Gefühl irgend jemand besetzt ein Allgemeingut, dass sich gute Gedanken nicht so schnell verbreiten lassen, wie ein guter Tweet, die Facebook-Gruppe zu einer Party, ein witziges Video oder das Bild deines ehemals guten Freundes, wie er über der Kloschüssel hängt und man deutlich erkennt, dass er sich auch schon schön in die Hose geschissen hat. Ich habe das Gefühl, ich bin mißtrauisch und meine Freundin weniger. Ich glaube, es ist falsch so viel von sich zu kommunizieren, dass Aussenstehende daraus ein für sich gültiges Pseudo-Profil von einem erstellen können. Ich habe tatsächlich Angst, dass die Vereinnahmung und Gleichschaltung so weit fortschreitet, dass kein Platz und keine Möglichkeit mehr übrig bleiben, im Falle des Falles zivilen Ungehorsam leisten zu können, keine Chance mehr besteht alternative Strukturen schaffen zu können, die eine  reele Möglichkeit haben, sich einem System auch widersetzen zu können. Die Probleme werden nicht weniger, aber sie zu kommunizieren immer schwieriger und ich mag nicht, wie ernste Themen benutzt werden, um sich an politischer Korrektness abzuarbeiten und sich einer Schnittmenge aus durchschnittlicher Rezipienz anzubiedern, Allen geht es um Reichweite und nicht um Weitsicht. Das liest sich dann oft so, wie zum Beispiel ein Beitrag von Sixtus aus einem ZDF-Blog zum aktuellen Referenzthema ‚Netzsperren‘: „Ist eine Sperr-Infrastruktur erst einmal installiert, werden die Begehrlichkeiten Anderer automatisch geweckt: Lobbysten wie der Tonträger-Mann Dieter Gorny campieren ja quasi schon vor dem Kanzleramt, um dort rechtzeitig an die Tür zu klopfen. Online-Casinos? Untergraben schamlos das Glücksspiel-Monopol der Länder, ab hinter die Sperren damit! Nazi- und Hass-Seiten? Stopp-Schilder davor! Ego-Shooter? Nutzen doch nur potenzielle Amokläufer! Es wird nicht lange dauern und streitfreudige Zeitgenossen werden einzelne Blogs sperren lassen wollen, von denen sie sich – zurecht oder zu unrecht – beleidigt fühlen. Diese Entwicklung ist so vorhersehbar wie zwangsläufig und niemand, der gleichzeitig mit dem Finger auf Iran oder China zeigt, kann sie sich wünschen.“ Ich hoffe, ich stoße auf Verständnis, wenn ich auf die hellseherischen Fähigkeiten des Verfassers und das Ausmass der Verirrungen nicht weiter eingehe, doch dieser Text zeigt sehr deutlich, wie ein Thema, das vermeintlich die eigene Netz-Kompetenz betrifft, benutzt wird, das eigene Ego wild und unkontrolliert zu exponieren. Darauf baut Misstrauen. Deswegen hab ich da ein schlechtes Gefühl. Das ist nicht sauber. Das ist Behauptung. Das ist populistisch. Aber wie heute, zum Start der Republica, Marcus Jauer so schön in der FAZ schreibt: „Die Menge an Information ist nicht das Problem am Internet, solange sie jemand einordnet und bewertet. Lange sah es so aus, als könnten Blogger das übernehmen. Leider beschäftigen sie sich lieber mit sich selbst.“ Das ist in seiner Vieldeutigkeit vielleicht etwas unglücklich formuliert, aber zeigt eigentlich nur, dass Blogger jetzt auch im Mainstream angekommen sind und der CDU inhaltlich nicht unbedingt nahe stehen, aber vielleicht auch nicht unbedingt weit weg. Also, was solls? Ein Haus im Grünen. Das Segelboot. Die Bettpfanne. Der Baseball-Schläger. Das schnöde Geld. Der Weltfrieden. Ein ordentliches Filet vom Rind. Ein Sancerre Rosé. Ein Sonnenuntergang.

Meine Freundin und ich definieren uns zum Glück nicht über das Alltagsgeschäft, sondern über gemeinsame Träume und etwas, das sich genaus so schwer be- und umschreiben läßt, wie vieles, was dazu führte, dass ich diesen Text anfing zu schreiben. Wir werden uns weiterstreiten, über alles und jeden. Ich glaube wir beide schätzen die Möglichkeit seine Meinung frei äußern zu dürfen. Und wir beide mögen die Hitze, wenn wir uns aneinander reiben.

Dieser Text ist eigentlich nur für Dich, Baby! Danke für jetzt fast zwei Jahre Input und Inspiration und viel Spaß bei Deinem Republica-Workshop morgen.

(JF)



Streetart, Spring!

Der Frühling hat begonnen.

Dies, werte Leserschaft, lässt sich nicht nur daran feststellen, dass die Sonne früher auf- und später untergeht. Oder vielleicht daran, dass wir, dank (in der Hauptstadt gemessenen) 19°C nunmehr langsam dem Zwiebellook Lebewohl und körperbetonter Kleidung Hallo sagen können. Und ganz bestimmt daran, dass wir, wenn wir denn aufmerksam genug sein sollten, jeden Tag neue Farb-Knospen an den Fassaden aufblühen sehen. Die Zeit des Winterschlafes ist vorbei und so kriechen die, welche beim Ausüben ihrer Kunst das Tageslicht meiden müssen, nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren Großstadthöhlen, um Wände, Türen, Mülleimer, Pflastersteine, Bäume, kurz, jede Form von geeignetem Untergrund mit ihren Zeichen zu versehen. Dass diese Zeichen so vielfältig sind und sich der gemeine Streetart-Künstler verschiedenster Techniken bedient, um sie zu setzen, seine Zeichen, das macht diese urbane Kunstform so anziehend und gleichsam abstoßend. Denn jeder kann ein Paper an einem Laternenpfahl befestigen oder ein willkürlich gewähltes Tag an die nächstbeste Klotür schmieren. Gut muss das Ganze noch lange nicht sein.

Obwohl spätestens seit Banksy, dessen Name den in die Urban Art-Szene involvierten Individuen schon längst aus dem Hals hängen sollte, Streetart auch global als gut – und teuer! – angesehen wird und den Weg in die zahllosen Galerien der Großstädte dieser Erde geschafft hat, es ist noch lange nicht soweit, dass die breite Masse beim Wort Graffitti nicht an Vandalismus denkt. Die Berliner Szene ist besonders engagiert dabei, Streetart und Graffiti salon-und galeriefähig zu machen. Und neuerdings gibt es sogar Unterstützung von der Stadt. Seit dem ersten April arbeiten vier international bekannte Graffiti-Künstler am Steglitzer „Bierpinsel“: Flying Förtress, Sozyone, Honet und Craig „KR“ Costello arbeiten für sechs Wochen an den 2000qm Fassade des 46 Meter hohen Turms aus den 70ern.

Im Turm stellen neun weitere Künstler aus und auch die nähere Umgebung des Turms, beispielsweise der U-Bahnhof Schlossstraße, werden von Streetart-Künstlern verschönert. Intention der Wiederbelebung des schlafenden Riesen war laut den Initiatoren folgende: „Mit dem Projekt TURMKUNST 2010 wollen wir die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst weiter voran treiben. Die Form des Bauwerkes, als auch die Arbeitsweise sind allein schon eine Herausforderung, die nur wenige Künstler meistern können. Dazu ist es unsere Intention, die Berliner Kunst- und Kulturlandschaft anzureichern und zu bereichern, nicht zu duplizieren: Deshalb Street Art und keine klassische Malerei, deshalb Standort Steglitz und nicht Mitte.“

Die Künstler sind täglich bei der Arbeit zu beobachten, aktuelle Bilder gibt es im Netz unter just.ekosystem.org/BLOG/.

TURMKUNST 2010 ist (nach der Berliner Mauer) zweifelsohne das größte Graffittiprojekt, das sich jemals in der Hauptstadt abgespielt hat. Ein Meilenstein für die Szene; höher, größer, besser. Doch nicht nur der Bierpinsel und die damit verbundenen Aktionen lassen im April die Herzen der Streetart-und Graffitiliebhaber höherschlagen. Morgen Abend lädt das Stattbad Wedding zur Vernissage von „A Touch Of Evil“, wo die polnischen Schwestern Beata and Anna Niedhart, sowie Dord Burrough,
Drobczyk,
Anna Vo, Nikko Barber
und Infinite Livez ihre Arbeiten (ausnahmsweise mal auf Papier gebannt) ausstellen.

Eine komplett neue Interpretation urbaner Kunst wird ab dem 30. April im systM zu sehen sein. Die Constructed Styles-Ausstellung stellt die Verbindung von LEGO und Graffiti namhafter Künstler aus der Street Art-Szene her. Die Umsetzung von Graffiti ins Dreidimensionale ist einzigartig; eine Symbiose aus Kunststoffsteinen in grellen Farben und prägnanten Graffiti-Schriftzügen. Die ausgestellten Kunstwerke sind das Ergebnis der LEGO Graffiti Convention im Dezember 2009 in München. systM zeigt Werke der Street Art-Künstler Cole Blaq, Orion Pax, Buntlack, Acid79, Chill, Baks, Diablo, Pley, Riko und Thesigner. Der für seine „Dispatchwork“ weltbekannte Künstler Jan Vormann sorgt für LEGO-Objekte an Häuserwänden in der nahen Umgebung der Galerie.

Drei ausgesuchte Urban-Art-Happenings für diejenigen, deren Durst nach neuen Bildern das S-Bahnfahren nicht mehr stillen kann. Denn gerade dort trägt der Frühling seine schönsten Früchte. Augen auf.

(Teresa Mohr)